Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 62 (sequence 5)
- Language
- German
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- IRI
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Siegfried Lehmann Sportsmann sind die Helden der Zeit. Der Russe Blonski, in dessen Produktionsschule die Ausbildung der die Natur beherrschenden Kräfte eine entscheidende Rolle spielt, ist ihr konsequenter Pädagoge. Sieg des Triebes zur Ichbejahung, des Lebenstriebes, der „Ich" sagt und nicht „Du", auf der ganzen Linie. Der Pädagoge, der in Palästina von vorn anfangen will, kann von Europa die Werte übernehmen, die der Ich-Trieb, der Lebenstrieb geschaffen hat. So wird er aber nur der einen Hälfte des Lebens gerecht werden. Die andere Hälfte des Seins, das sich in seiner Ich-Einsamkeit nach Hingabe sehnt, nach Verbundenheit mit den Ureinheiten, die ihm Vater und Mutter bedeuteten, kann von Europa aus nicht beleuchtet werden und bleibt im Schatten. Diese verbindenden Kräfte wird er in Palästina finden, und damit kommen wir zur Beantwortung der zweiten Frage. 3. Der Jude in Palästina hat nicht mehr und nicht weniger als Erde und Volk. Wir haben hier zu untersuchen, ob der Trieb nach Bindung, nach Hingabe des Ich an ein Mütterliches in der Bindung an Erde und Volk seinen Frieden finden, ob von hier aus die andere, die dunkle Hälfte unseres Seins Leben und Sinn erhalten kann. Wie stark muß im jüdischen Volksbewußtsein der Glaube an die schützende Kraft der Muttererde wurzeln, wenn heute noch kein Jude im Osten in sein Grab gelegt wird, ohne daß ihm unter seinen Kopf ein Säckchen mit Palästina-Erde gelegt wird. Ein schwacher Ersatz für das Begrabensein in der Muttererde. Viele geben dem Toten eine kleine Gabel mit ins Grab, damit er sich — so glaubt das Volk — nach dem Erscheinen des Messias den langen Weg durch die Erde nach dem Mutterlande besser bahnen kann. Manche haben nicht die Geduld, bis zum Erscheinen des Messias zu warten und sie gehen schon zu Lebzeiten nach Palästina, um dort zu sterben. Von denen sagt das Volk, daß sie leicht stürben. Der Galuthjude fürchtet den Tod mehr als die Menschen anderer Völker. Vielleicht deshalb, weil es sein Schicksal ist, in einer fremden Erde begraben zu sein. Der Friedhof ist ihm nicht der Hof des Friedens, sondern der Ort des Grauens. Der deutsche Bauer legt den Friedhof in die Mitte des Dorfes und seine Kinder spielen neben den Gräbern; über all dem liegt die stille beruhigende Wehmut, mit der der sterbende Mensch, wie es Novalis nennt, nach Hause heimkehrt. (Gibt es doch Völker, die ihre Toten in der Stellung des Embryos in die Erde legen, genau so, wie das 62