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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 61

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
Date
1928-01-01
Page
61 (sequence 4)
Language
German
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Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk wenn sie nicht auf jene Befestigungen zurückgreift und den jungen Menschen einzustellen vermag in ein übergeordnetes Ganzes, an das er im Leben und im Tode gebunden ist, wenn wir dieses einmal klar erkannt haben, muß uns der allgemein übliche europäische Bildungsrummel als unendlich belanglos erscheinen. Wie ist diese Bildung abgefallen von den Menschen, wie schlecht zugeklebter Lack, als im Krieg der Tod den Menschen vor letzte Entscheidungen stellte. Wie armselig, unwichtig und fern war in diesem Augenblick alle Wissenschaft, wie traumhaft weit waren die schöne Literatur und die Musik, die einem vorher so viel bedeuteten, und nur eines war übriggeblieben: ein maßloses Grausen, eine unendlich schmerzende Einsamkeit. Dieser Augenblick vor dem Tode kann für uns der einzige Gradmesser für die Beurteilung sein, ob die Erziehung dem Menschen Steine oder Brot gegeben hat. Ja, vielleicht lohnt sich der Aufwand an Erziehung nur um dieser einen Aufgabe willen: anständig zu sterben. Nicht den bürgerlichen Tod zu sterben, den der von allem Ewigen losgelöste Bürger stirbt, den Tod, nach dem es nichts mehr gibt, wo zusammen mit dem eigenen kleinen Ich die ganze ewige Welt stirbt. Für den in der Verbundenheit lebenden Menschen gibt es in diesem Sinn keinen Tod. Das Volk, dessen Kind er ist, bleibt ja die große Mutter, die ihn geboren hat und die weitere Geschlechter gebären wird, die mütterliche Heimaterde, in die man ihn legt, wird seine Kinder nähren, bis man auch sie der Erde zurückgibt. Das göttliche Gesetz, in dessen Rhythmus sich der Gläubige einfügt, ist ein ewiges, ganz unabhängig von der Tatsache, ob ein Menschenleben in die Form des Menschentodes hinüberwechselte. Die Klassenmasse Mensch schließlich — vielleicht eine Mutterimago, der spätere Generationen sich zuwenden werden — marschiert. Was tut es, wenn auf dem Marsche ein Ich aus diesem gewaltigen Kollektivum abgetreten ist und ein zweites, jüngeres, die Reihen schließt? Erziehen heißt, den Menschen für den Augenblick des Todes vorbereiten; ihm seinen Ort in der chaotischen Vielfältigkeit der Welt anweisen, seinen Trieb nach Verbundenheit auf ein Ewiges lenken. Daß der Gegenspieler dieses Triebes — der Trieb nach Entbundenheit — in unserer europäischen Umwelt die größten Triumphe feiert und seinen Gegentrieb zu überwuchern droht, darf uns in der Richtung unseres Weges nicht beirren. Es ist kein Zweifel: unsere Zeit wird beherrscht durch den Trieb nach Nichthingabe des Ich. Steigerung der Herrschaft des Ich über die Natur, über den Mitmenschen, über den eigenen Körper, ist Sinn des Daseins. Der Ingenieur, der Ozeanflieger, der Organisator, der 61

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