Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
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- IRI
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Siegfried Lehmann wir von vorne anfangen, müssen zurückgreifen auf das erste, einzigartige Urerlebnis im Leben des Kindes, auf das des Geboren,- Werdens (wobei wir uns bewußt sind, daß das Zurückgreifen auf diesen biologischen Vorgang nur ein Ausgangspunkt ist, um über den Trieb nach Verbundenheit etwas auszusagen). Der Geburtsakt, durch den das Kind aus seiner Ideallage herausgerissen und plötzlich der Kalte und der Unruhe der realen Welt gegenübergestellt wird, hinterläßt die erste schwere Wunde. Noch längere Zeit führt das Kind unter der Fürsorge der Mutter kein eigentliches Sonderdasein; allmählich aber verselbständigt sich das Ich, bis der Prozeß der Loslösung mit der Pubertätszeit seinen Abschluß findet und die letzten Reste der Nabelschnur, die Mutter und Kind verbindet, endgültig zerrissen werden. Das ist der Augenblick der zweiten Geburt — wie primitive Völker diesen Vorgang nennen; er ist vielleicht nicht weniger schmerzlich als der der ersten Geburt, denn jetzt steht das Ich mutterseelenallein: vor ihm die große chaotische Welt, in der man kämpfen und siegen muß, um zu bestehen; hinter ihm das wunschlose Ausgelöschtsein des Ich im Schoß der Mutter. Vor ihm das Sein, hinter ihm das Nichtsein. (Die beiden Umtriebe im Menschen, der Trieb zum Leben und der Trieb zum Tode, repräsentieren diese beiden einzig möglichen Grundeinstellungen zur Welt.) An Stelle der Bindung an Mutter und Vater, die an der Schwelle vom Kindsein zum Erwachsenen zerreißt, schafft die Sehnsucht nach Verbundenheit andere Bindungen: Die Urmütter, das Volk oder die Horde, die heimatliche Erde nehmen den mutterlos Gewordenen auf, der Urvater Gott oder sein kleiner Stellvertreter auf Erden, der Führer, verlängern sein Kindsein und nehmen den vaterlos Gewordenen unter seinen väterlichen Schutz. Scheint es doch nun einmal unser menschliches Schicksal zu sein, unser ganzes Leben lang das Verlangen nach Vater und Mutter in uns herumtragen zu müssen, daß wir gewohnt sind, noch als Erwachsene hunderte Wege suchen zu müssen, um uns einen Ersatz für dieses einzig große Kindheitserlebnis zu schaffen. Aus dem sicheren Bereich der Kindheit herausgestoßen, bleibt dem Menschen nur ein Wesentliches: sich wieder in der Welt zu verfestigen, sich wieder Heimat zu suchen und Verbundenheit an ein ewiges Mütterlich-Väterliches, das nicht dem schwankenden Schicksal des Heute und des Morgen unterworfen ist. Wenn wir nun einmal erkannt haben, daß alle Erziehung, die mehr will als den Menschen zur Selbstbehauptung in der Welt zu erziehen, betriebsame Arbeit im bodenlosen Raum sein muß, 60