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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 57

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der Jude zwischen Orient und Okzident
Date
1928-01-01
Page
57 (sequence 6)
Language
German
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Der Jude zwischen Orient und Okzident chen Seele, weder des Paradieses noch der Hölle, weder des gebotenen Kuchens noch der angedrohten Peitsche. Wenn der von christlichen und islamitischen Einflüssen durchsetzte Talmud zuweilen der Ansteckung des Christentums unterliegt, so zeigen Altes Testament, Kahbala und Sohar niemals eine solche Schwäche. Die Geistesgeschichte des Judaismus stellt eine dauernde Auflehnung gegen diese Ammenmärchen dar, eine Zurückweisung der angenehmen mystischen Beschwichtigungen. Das jüdische Volk ist das am frühesten moderne von allen Völkern. Martin Buber versucht den Grund hierfür zu finden: „Der Jude hat Gott nicht in Himmel und Erde erschaut, sondern in sich selbst. Die indische Erlösung meint ein Erwachen, die jüdische eine Umwandlung; die indische ein Abstreifen des Scheins, die jüdische ein Ergreifen der Wahrheit; die indische ein Verneinen, die jüdische ein Bejahen; die indische begibt sich im Zeitlosen, die jüdische meint den Weg der Menschheit." Später, in den mystischen Werken der Juden des Mittelalters, schwingt sich die Idee um einen Grad höher. Im Sohar findet sich der folgende Mythus: Die Welt ist genau nach dem gleichen Plan aufgebaut wie die Göttlichkeit. Die obere Welt wird durch den Antrieb der unteren in Bewegung gesetzt. Durch die bloße Tatsache, daß jede Seele ihre eigene Zerrissenheit überwindet und die Einheit in sich schafft, verwirklicht sich die Einheit in Gott. Der Schöpfer verdankt der Kreatur seine Erlösung. Eine ähnliche Konzeption enthält vielleicht der Keim der modernen Wissenschaft. Der Mensch wird nicht mehr durch einen übersinnlichen Gott geleitet, sondern er wird selbst zur treibenden Kraft der Welt. Daraus geht auch hervor, daß das Judentum eine Lehre des Friedens und der Einheit ist, des Optimismus, der Weltbejahung, der Menschheitsversöhnung, des Lebensgenusses, der Entfaltung und der kraftvollen Sinnlichkeit. Es ist, in erster Reihe, eine Lehre der Versöhnung,. Der Versöhnung mit wem? Mit uns selbst, mit der Welt der Materie, die beherrschen kann, wer sie nicht fürchtet. Das Fehlen von Beunruhigung gegenüber der Welt des Fleisches ist, glaube ich, eine typisch jüdische Tatsache. Kein jüdischer Schriftsteller hätte die Romane von Francois Mauriac verfassen können. Die Bibel enthält eines der schönsten Symbole der Welt, wenn wir darüber nachdenken wollen: das Symbol des Bundes. Der Jude ist ein Mensch, der mit dem Leben einen Bund geschlossen hat, der es nicht haßt und nicht fürchtet und es auch nicht als eine wuche- 57

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