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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der Jude zwischen Orient und Okzident
Date
1928-01-01
Page
56 (sequence 5)
Language
German
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Jean-Richard Bloch wir heute1), daß sie in den Lehren der jüdischen Kahbala und des Sohar Waffen, Argumente, Wegweiser und Bestärkungen gefunden haben. Heute wieder sucht die beunruhigte Welt ihren Weg. Sie kämpft nicht mehr gegen die Kirche, sondern — ein tragischerer Kampf — gewissermaßen gegen sich selbst, gegen die ersten mißgestalteten Kinder einer noch unvollkommenen Wissenschaft. Sie ist verwirrt. Sie glaubt auf falschem Wege zu sein. Sie ist völlig bereit, jene Zivilisation abzuschwören, von der sie soviel erwartet hatte, die ihr aber, seit ihrem ersten Stadium, Krieg, Haß, Zwietracht, Not und, was viel schlimmer ist, Schande gebracht zu haben scheint. Der moderne Europäer ist ein Jüngling. Seine Verwirrung erregt Mitleid und sein Kummer Schmerz. Der Jude dagegen ist ein sehr alter Mann. Er hat in seiner Vergangenheit, in dem, was Martin Buber sein Blut nennt, ganz andere Demütigungen, ganz anderes Unglück, ganz andere Pein erduldet als jener nervöse und großmütige junge Mann, der ihm Gastfreundschaft geboten hat. Der Jude verdankt dem modernen Europäer seine bürgerliche Befreiung, seine Freiheit und seine Würde. Heute ist der Tag gekommen, diese Schuld abzuzahlen. Auf dem Boden Europas ansässig, kann er ihm keinen besseren Dienst erweisen, als den leidenschaftlichen Schwankungen Widerstand zu leisten, die die Seele Europas in Aufruhr bringen. In einem Roman, den ich sechs Monate vor der Augustkatastrophe des Jahres 1914 vollendete, finden sich die folgenden Zeilen: „Warum macht ihr nicht einen Spaziergang in euer Inneres? Es ist lange her, seit ihr den Fuß dahin gesetzt habt. Es muß verteufelt wüst darin geworden sein. Ihr wißt wohl, jene Seite unseres Wesens, die den tiefen Grund dessen in sich trägt, was uns zwischen den Völkern erhalten hat — die Gelehrten nennen es unsere Mission, was keine sehr einleuchtende Erklärung ist. Es gibt hier Wertvolleres zu finden als ihr vermutet. Verschließt euch für eine Reihe von Jahren in euch selbst. Werdet wieder ein wenig einsam. Nicht indem man sich den Völkern angleicht, dient man ihnen, sondern indem man sich von ihnen unterscheidet. Ein Land braucht seine Dissidenten ebenso wie seine Rechtgläubigen. Findet den Sinn eueres Dauerns wieder, lernt eueren Geist, den Geist eueres Volkes wieder kennen." * Wir sind ein Volk der Ausdauer. Und wir sind ein Volk, das, um zu dauern, keiner evangelischen Versprechungen bedurfte, keines sofort verwirklichbaren Jenseits, keiner persönlich unsterbU- *) Dank den Arbeiten eines französischen Gelehrten, M. Denis Saurat. 56

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