Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Der Jude zwischen Orient und Okzident
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 55 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude zwischen Orient und Okzident der chinesische Empirismus, noch die indische Meditation, noch der mohammedanische Fatalismus vermögen ihn hervorzubringen." Sylvain Levi betont also die Unmöglichkeit für einen Orientalen, der nicht den okzidentalen Humanismus und seine lange Vergangenheit der Zivilisation geerbt hat, gleich dem Europäer die großen geistigen Lehren, die mit der europäischen Kultur geboren, mit ihr gewachsen und von ihr nicht zu trennen sind, aufzunehmen und auszuüben. Zugegeben, daß dieser feine Kenner Asiens, dieser angesehene Orientalist sich nicht täuscht. Ich wiederhole also meine Frage: Was wollten diese Professoren dort, oberhalb von Jerusalem, auf diesem mystischen, von Legenden umwitterten, von der orientalischen Atmosphäre umspülten Hügel? Was will diese Universität, die sie einweihen? * Die Antwort ist: Es gibt ein Volk, das wohl weder besser noch schlechter als irgendein anderes ist, jedoch das Wunder zustandegebracht hat, durch zwanzig Jahrhunderte der Geschichte hindurchzugehen, ohne sich zu vermischen oder zu verschwinden. Ein Teil des Orients, hat es in jahrhundertelanger Annäherung den Okzident erreicht und, dort angelangt, hat es sich zur allgemeinen und zu seiner eigenen Überraschung ebenso fähig erwiesen, die feinsten Lehren des wissenschaftlichen Geistes zu empfangen, zu verstehen und auszuüben, wie es sich gleichzeitig, vollkommen orientalisch, in Pelzkappe und schwarzem Kaftan an der Klagemauer zeigt. Ein Kritiker1) hat diesem Volk kürzlich den Namen gegeben: „Der Okzidentale des Orients, der Orientale des Okzidents." Die Geschichte der letzten hundert Jahre gibt diesem Kritiker recht und erläutert diese Definition. Einmal schon, während der Renaissance, hat der jüdische Geist in das große Ringen des europäischen Bewußtseins eingegriffen. Diese Auseinandersetzung hat in mehr als einer Beziehung Ähnlichkeit mit der moralischen Verwirrung, deren Zeugen wir in diesem Augenblicke sind. Der jüdische Geist hatte damals eingegriffen, um den freiesten Geistern jener Epoche zu helfen, sich ihrer selbst bewußt zu werden, sich von einem toten Glauben zu befreien und ihren Weg zu finden. Wenn viele Dichter und Denker des 16. und 17. Jahrhunderts so energisch gegen die Flüche aufgetreten sind, mit welchen die katholische und die reformierte Kirche unsere irdische Lage und die vorurteilslose Betätigung der Intelligenz überhäuften, so wissen *) Francois Bonjean, der Verfasser von „Mansour" und „El Azhar". 55