Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Der Jude zwischen Orient und Okzident
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 54 (sequence 3)
- Language
- German
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Jean-Richard Bloch durchtränkt ist von Göttlichem. Den Orient des Islam schließlich, dem Jerusalem eine der drei heiligen Städte ist. Einzigartiger Punkt der Welt, wo die drei großen Religionen des Nahen Ostens zusammenlaufen und von wo sie ausgehen. Aher als ich den Blick zur Estrade zurückwandte, sah ich plötzlich eine kleine Gruppe von Männern, wie verloren in dem ungeheueren Raum. Sie kamen aus allen Ländern des Westens. Alle Uni« versitätstrachten Deutschlands, Englands, der Vereinigten Staaten, Hollands und Italiens, alle Gewänder und Doktorhüte waren hier vereinigt, der bescheidene Rock nicht zu vergessen, der den französischen Professor kennzeichnet und den M. Charles Gide mit jener Mischung von Würde, Vertrauen und überlegenem Gleichmut trug, die wir an ihm bewundern. Alle diese unter Diplomaten und Militärpersonen gemischten Professoren repräsentierten die Wissenschaft, das heißt „jene Leidenschaft der Forschung, jenen Wissensdurst, jenes Streben nach Entdeckungen", die das Merkmal des Abendlandes sind; und den Humanismus, der nichts anderes ist als „die von dem langen Albdruck der Theologie befreite menschliche Intelligenz", die auf dem Wege des Begreifens an die Eroberung des Universums herangeht. Wozu kamen diese Westler in diese orientalische Umgebung? Denn den Orient, im Gegensatz zum Okzident verstanden, könnte man definieren: als einen Versuch, an das Universum durch die Stimme des Herzens heranzukommen, durch die Berührung der Sinne, die Emotion, die Ekstase. Was für ein absurder Traum war es, die westliche Methode des Denkens, der intellektuellen Technik auf den Berg Skopus zu verpflanzen? Tatsächlich sind alle bisher unternommenen Versuche, die europäische Wissenschaft in einem anderen Lande als dem, wo sie das Licht der Welt erblickte, heimisch zu machen, gescheitert. Ein großer Orientalist hat kürzlich geschrieben1): „In den dem Westen feindlichen Kreisen glaubt man gern, es genüge, dem Westen seine technischen Fortschritte zu entlehnen, um ihm nachzuahmen, ihm zu gleichen und mit ihm zu wetteifern. Das ist ein Irrtum, der heute schwer auf der Welt lastet. Die westlichen Wissenschaften sind eins mit dem westlichen Menschentum; bei ihm ist die geistige Einstellung zu Fragen verschiedener Art die gleiche. Der Glaube an die Beobachtung und Erfahrung, der einem Galilei und einem Pasteur Kraft verlieh, ist kein vereinzeltes Phänomen, das zufällig in Erscheinung tritt; er ist das Ergebnis einer sozialen Lebensordnung, die ihm den Boden bereitet und erhält; weder *) Sylvain L6vi: L'Inde et le Monde (Champion-Verlag). 54