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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 53

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der Jude zwischen Orient und Okzident
Date
1928-01-01
Page
53 (sequence 2)
Language
German
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Der Jude zwischen Orient und Okzident stanz entfaltet sich in der sie umgebenden Welt nicht oder zumindest nicht vollständig. Sie bleibt allein in den tiefen Einsamkeiten des Seins. In einem meiner Bücher entwickelte ich nahezu die gleichen Gedanken, indem ich sagte: Die anderen Menschen haben eine Gleichung zweiten Grades aufzulösen; wir Juden eine Gleichung dritten Grades. Was ergibt sich daraus? Ein persönliches Erlebnis hilft mir diese Frage beantworten. * Alle, die bei der Einweihung der Universität in Jerusalem anwesend waren, bewahren eine kostbare Erinnerung: Ein Bild, das geradezu ein Symbol ist. Wir hatten auf den Bänken eines ungeheueren Amphitheaters Platz genommen, das direkt in den fahlen Kalkstein des Gebirges eingebaut war. Der Abhang war so steil, daß die offizielle Estrade, die im Grunde des von dem Theater gebildeten Trichters, dort, wo der antike Chor seinen Platz gehabt hätte, aufgerichtet war, durch große Gerüste gestützt werden mußte. Und dieser Boden floß einem Strome gleich weiter bis zum Toten Meer, dessen Spiegel zwölfhundert Meter unter unseren Füßen schillerte. Vor unseren Augen zehn Meilen weit Wüste, glühend, großartig, verwirrend. Ein plötzlich erstarrter Krampf der Natur, wie ein gigantisches Beispiel aus einem geologischen Lehrbuch. Ein Stück Erde im Zustand der Nacktheit, ohne Baum, ohne Gras. Und hie und da eine Herde schwarzer Schafe, in der Ferne umherirrend, von ihrem Beduinenhirten behütet, wie eine Wolke Insekten. An dem Orte, auf dem wir uns befinden, entdeckte Alexander der Große das Panorama von Jerusalem. In geringer Entfernung, in der gleichen Höhe sehen wir ein Minaret, das der Moschee, welche die Muselmanen an dem Ort der Himmelfahrt errichtet haben: den Ölberg. Auf der obersten Stufe sitzend, brauche ich nur den Kopf zu wenden, um meine Blicke in jenen Kessel zu tauchen, wo sich Jerusalem befindet. Die Kuppel der Omar-Moschee bezeichnet die Stätte von Moriah, den Stein, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. So brachte alles, Klima, Umgebung, Land, Geschichte, Bevölkerung, den Orient zum Ausdruck. Und welchen Orient? Jenen, wo der Ursprung des jüdischen Volkes sich mit dem der nomadisierenden Hirten der Wüste vermischt, wo wir Abraham unter seinem Zelt, Boas auf seinem Felde finden, wo die ersten Legenden der Evangelien wie natürliche Quellen aus einem Boden sprudeln, der 53

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