Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Der Jude zwischen Orient und Okzident
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 52 (sequence 1)
- Language
- German
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JEAN-RICHARD BLOCH ®er Sfufce 5totf#en ©rient uud ©ft^t&eut In einer sehr schönen Studie erklärt uns Martin Buber, daß der Mensch je nach dem Grade seiner Entwicklung sich zuerst seines Ichs bewußt wird, das heißt dessen, was seinen Gefühlen Nahrung bietet: der heimatliche Boden, Erde und Himmel mit ihrem vertrauten Anblick. Erst an zweiter Stelle, über sich selbst hinausgehend, wird er sich der Gemeinschaft bewußt, der Sprache und Sitten, die ihn umgeben. Und die Gesamtheit alles dessen erscheint ihm nun als sein Volk. Später, viel später — an einem Tage, der nicht jedem leuchtet, sondern nur dem allein, dessen inneres Dasein lebendig bleibt — entdeckt er in sich selbst ein neues Element, den tief in ihm wurzelnden Überrest dessen, was die Folge der Geschlechter, die Reihe der Ahnen, alle Vereinigungen und alle Mischungen des Blutes, die ihn erzeugten, in ihm zurückgelassen haben. Es ist das, was Buber das Blut nennt. Das Blut ist das Dauernde in der Gemeinschaft der Lebenden? der Toten und der Ungeborenen. Es bildet die Substanz unseres Seins, den Grund unseres Ich, jenes unermeßliche historische (oder richtiger biologische) Gedächtnis, das uns mit der ganzen Kette unserer Ahnen, mit ihrem Charakter und ihrem Schicksal, mit ihren Handlungen und ihren Leiden, mit ihren Erlebnissen, ihrer Größe und ihrem Elend eins werden läßt. Und er fügt hinzu: für die Mehrzahl der Menschen sind die Umwelt, die Sprache und die Sitten, die sie von Jugend an umgeben* dieselben wie die Umwelt und die Sitten der Vergangenheit. Diese Menschen sind inmitten ihres eigenen Volkes geboren, sie sind in dem Lande ihrer Abstammung aufgewachsen, sie sprechen die Sprache ihrer Vorfahren und üben selbstverständlich, mit einer naiven Leichtigkeit jene Bräuche, welche seit Jahrhunderten ihre Väter und die Väter ihrer Väter geschaffen haben. Dem Juden, und besonders dem Juden des Abendlandes fehlen alle diese wesentlichen Elemente einer nationalen Wirklichkeit1). Das Land, in welchem er lebt, dessen Natur ihn umgibt und seine Sinne erfüllt, die Sprache, die er spricht und die seine Gedanken formt, die Sitten, die ihn bilden, gehören nicht seinem Volke an, sondern einer fremden Gemeinschaft. Die Welt seiner Erfahrung und die Welt seiner inneren Substanz ist nicht dieselbe. Diese Sub- *) Diese Gedanken werden sehr fein und richtig von Pierre Mille in einem bemerkenswerten und sehr seltsamen Roman, „La detresse des Harpagons", entwickelt. 52