Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 48 (sequence 8)
- Language
- German
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Emst Simon unter besonderen Gesetzen, die freilich, wie die ganze Frage des „heimlichen Juden", so schwierig zu erkennen und so sorgsam zu umschreiben sind, daß in diesem vorläufigen Abriß nur eben der Ort der Fragestellung benannt, aber noch keinerlei Andeutung etwaiger Antworten gegeben sein soll. Von der Spiel- und Kombinationsfreiheit gegenüber den Elementen einer in ihrer organischen Gebundenheit nicht völlig schicksalshaft vertrauten Sprache, die bei Heine einsetzt und zu Kerr führt, bis zur affektbetonten Verdrängung jüdischer Dinge in der nur von ihr selbst „sogenannten" jüdischen Presse des Großkapitals wären hier eine Fülle von Erscheinungen festzustellen und zu analysieren. Leichter greifbar dagegen ist eine wiederum spezifische Form der öffentlichen Meinungsbildung, die durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte dem jüdischen Volk gegeben worden ist: der Zionistenkongreß. Besonders in den ersten Jahren — und vielleicht, hoffentlich! bald wieder — war er wirklich ein Forum der jüdischen Welt, die ihren Mittelpunkt und ihr Gewissen dort empfand und die in den Referaten Nordaus und anderer an den Repräsentanten der Bewegung vorüberzog. Aber nicht nur formal, auch inhaltlich bedeuten Zionismus und Kongreß einen Wendepunkt für die jüdische öffentliche Meinung: schufen sie ihr doch einen erneuten Kristallisationskern: die Einheit der Fragestellung, die in den vergangenen Jahrtausenden fast immer vorhanden gewesen war, gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts aber verlorenging. Man wußte stets, ob man zu Hillel oder zu Schammai hielt, ob man für die Karäer war oder für ihre Bestreitung durch Saadja Gaon, ob man mit Maimonides die Strenge des rabbinischen Rechtes und die Freiheit philosophischen Denkens zu vereinen suchte oder aber diese letzte als Gefahr ansah, ob man mit Joseph Caro die höchste rabbinische Autorität in Palästina wieder einrichten wollte oder sich gegen eine solche Zentralisierung sträubte, und schließlich, ob man Sabbatai Zewi für den Erlöser hielt oder für einen Betrüger. Die Einstellung zu all diesen Fragen war immer höchst verschieden, und sie alle fast spalteten das jüdische Volk des Erdenrundes in Ja- und Neinsager, aber eben das jüdische Volk des ganzen Erdenrundes, das gerade in dieser Spaltung um eine einzige Frage seinen Mittelpunkt und seine übergeographische Einheit fand: in seiner öffentlichen Meinung, Deren Kosmos hat Emanzipation und Assimilation in zwei Hälften gesprengt und erst dadurch „Ostjudentum" und „Westjudentum" geschaffen, die ja beide nicht älter sind als etwa 150 Jahre. Während nämlich im Osten der Streit um den Chassidismus tobte, befaßte sich der Westen mit der Frage, welcher Preis für die bürgerliche Gleich- 48