Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung Aussprache. Was nicht nach außen dringen durfte, ging verstärkt und verzerrt nach innen: dies erklärt die selbstquälerische Flagellantenart so vieler jüdischer Witze, die geradezu antisemitisch zu sein scheinen. Wir, das Volk der Selbstkritik, dem die Propheten diese hohe Tugend intellektueller Rechtschaffenheit ins Heilige gehoben haben, durften uns niemals freimütig über die eigenen Schwächen äußern, die wir doch so deutlich sehen, weil jedes unvorsichtige Wort, das nach außen drang, dort zur schlimmsten Waffe in der Hand unserer Peiniger werden mußte. Zur echten öffentlichen Meinung gehört ein Innenraum, der verhältnismäßig unbeobachtet ist und in dem gefahrlose Aussprache hinter geschützten Grenzen sich vollziehen kann. Unser Volk, das durch Jahrtausende überall nur und ganz Grenze war, hat solch einen Innenraum bis in die neueste Zeit hinein entbehrt und sich gleichsam einen Ersatz dafür in seinem internen Witz geschaffen. Die bisher erwähnten, nur sehr lückenhaft aufgezählten Erscheinungsformen — so wäre, um nur etwas nachzutragen, das halachische Motiv vieler Verbote: „wegen des schlechten Eindrucks" zu behandeln — verdeutlichen die Eigenart der jüdischen öffentlichen Meinung vor allem in einer Zeit außerordentlicher Sonderbestimmungen für das jüdische Volk. Aber selbst nachdem diese mit dem Eintritt unserer Neuzeit, also nach 1789, allmählich weggefallen sind, bleibt jene Eigenart, wenn auch abgeschwächt, noch bestehen. So ist z. B. die jüdische Wissenschaft, die zu Beginn der neuen Epoche entsteht, in einem noch viel höherem Grade Trägerin der öffentlichen Meinung als die gleichzeitige romantische Wissenschaft des übrigen Europa. Die Reaktion Friedrich Wilhelms III. verbietet den Reformjuden die Einführung der deutschen Predigt und später das Annehmen christlich-deutscher Namen: dies sind die Anlässe für Leopold Zunzens grundlegendes Werk über die „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (These: die Predigt, auch die in der Landessprache, ist keine Reform, sondern alter jüdischer Brauch, also unbedenklich zu gestatten) und für desselben Gelehrten spätere große Abhandlung „Die Namen der Juden" (These: wir nannten uns in hellenistischer Zeit auch schon Alexander . . . ) Von derselben, übrigens sehr gesunden Mischung gegenwärtiger Fragestellung und wissenschaftlicher Antwort sind auch die mannigfachen jüdischen Zeitschriften der Reformepoche erfüllt, die zwischen Publizistik und Gelehrsamkeit eine eigentümlich reizvolle und in dieser Weise beinahe einzigartige Mitte halten. Die nun beginnende Anteilnahme der Juden an der allgemeinen öffentlichen Meinung Europas steht zweifellos auch 47