Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 46 (sequence 6)
- Language
- German
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Emst Simon Rektors am Berliner Rabbinerseminar, Prof. Dr. David Hoffmann, entnehmen. (Melamed lehoHl; S. 287, Frankfurt a. M. 5686.) Die Anfrage lautet: „In unserem Minjan gibt es einen oder zwei, die den Sabbat öffentlich entweihen, nicht nur durch ihre Arbeit, sondern auch dadurch, daß sie rauchen, und selbst Kiddusch und Hawdalah machen sie nicht. Ist es erlaubt, sie zum Minj an zu rechnen?" — In der Antwort ergeht sich Prof. Hoff mann zunächst ausführlich über die Behandlung der Frage in der halachischen Literatur und über Präzedenzfälle, um dann für den Notfall zu einer erleichternden Entscheidung zu kommen. Diese begründet er vor allem mit dem Argument, daß der Begriff der „Öffentlichkeit" in bezug auf die Sabbatentweihung sich in neuester Zeit sogar in Ungarn, um wieviel mehr in Deutschland, geändert habe. Da die meisten westlichen Juden den Sabbat entweihen, hat der Einzelne nicht das Bewußtsein und die Absicht, dem Gesetz trotzig zuwiderzuhandeln, sondern „seine Öffentlichkeit ist gleichsam Heimlichkeit", d. h. dem, was früher die Sabbatentweihung in verborgener Stille bedeutete, entspricht heute, bei geänderten Zeitläuften, die in der Öffentlichkeit. Daß der religiöse Ernst des Sabbatgebotes davon nicht berührt wird, bedarf wohl kaum der Betonung. Eine andere Form der jüdischen öffentlichen Meinung in nachtalmudischer Zeit wurde die religiöse Poesie. Überhaupt trägt der synagogale Ritus, selbst in seinen bereits zur Zeit der Mischna entstandenen Teilen, oft deutlich die Spuren einer bestimmten Geschichtstatsache und der Reaktion des Volkes darauf; man denke nur an die Einfügung ins Achtzehn gebet, die sich gegen die (judenchristlichen) Sektierer wendet und es zu einem Neunzehngebet macht, oder an den Segensspruch im Tischgebet, der aus Anlaß der ersten siegreichen Kämpfe Bar Kochbas zum Preise der göttlichen Güte hineingenommen und später nicht wieder ausgemerzt wurde. Aber stärker noch ist der „Piut" Träger des Zeitgeistes: die Juden des Mittelalters, denen kaum ein Weg zu Königen und Großen oder zu den Reichstagen offenstand, sangen und beteten ihren Protest gegen Verfolgungen und Thoraverbrennungen im Liede der Synagoge aus. Besonders die Gebetbücher für die nationalen Trauertage füllen sich mit Ergänzungen aus späteren qualerfüllten Zeiten, und noch Bialik hat „auf die Last Nemirows" Verse gehäuft, die wert wären, am Neunten Aw in den Gebetshäusern Israels zu erklingen. Eine ähnliche Funktion wie die Trauerhymnen hat der jüdische Witz ausgeübt, so sehr er nach Form wie Inhalt diesen entgegengesetzt zu sein scheint. Aber sowohl unser Verhältnis zur Außenwelt wie das der Juden untereinander fand im Witz sein Ventil der 46