Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 44 (sequence 4)
- Language
- German
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Ernst Simon könnte sagen, daß hier Militarismus und Pazifismus der Gesinnung miteinander im Streit liegen, natürlich nicht nur zwischen den zufälligen Wortführern, sondern in der breiten Schicht ihrer Anhänger. Nicht selten findet die Halacha ihre Grenze am Volksbrauch, dem sogenannten „Minhag'% der damit als Ausdruck der öffentlichen Meinung den Recht schaffenden und richtenden Rabbinen zur Seite und manchmal entgegentritt. Im Traktate Kethuwoth wird beispielsweise erzählt, daß ein von den Rabbinen festgesetzter wöchentlicher Heiratstag aus Furcht vor dem „jus primae noctis" des römischen Statthalters vom Volke verlegt wurde: „Das Volk führte diesen Brauch ein, und die Rabbinen protestierten nicht." So wird es zum allgemeinen Grundsatz, daß eine rechtliche Verordnung der Rabbinen ungültig ist, bei der die Mehrzahl der Gemeinde nicht bestehen kann, wie denn überhaupt das schon in der Bibel festgelegte Prinzip, „sich nach der Mehrheit zu neigen" zu dem demokratischen Grundsatz führt, daß bei halachischen Streitigkeiten zwischen den Rabbinen ein Einzelner gegen viele zu unterliegen habe. (Allerdings gibt es wenige, genau benannte Ausnahmen von dieser Regel.) Diese hohe Schätzung des Gemeinschaftswillens führt notwendigerweise zur Konzeption der Anonymität: „die Halacha bleibt wie die anonyme Mischna", und Rabbi Meir hat sogar manche seiner Entscheidungen nicht im eigenen hochberühmten Namen überliefert, damit sie allgemein angenommen würden. Nicht minder deutlich aber kommt die öffentliche Meinung in der talmudischen Haggada zum Ausdruck. Wie bekannt, versammelte sich zweimal im Jahre fast die gesamte jüdische Bevölkerung Babyloniens in den beiden Hauptstädten des Lernens, in Sura und Pumpeditha, nicht nur, um zuzuhören, was die Rabbinen lehrten oder predigten, sondern wohl auch, um sich selbst durch Einwürfe und Fragen zu beteiligen. Vielleicht beruht auf diesem Brauch die merkwürdige Tatsache, daß fast alle Traktate des Talmuds nicht halachisch, sondern haggadisch enden: man mag diese allgemeinen Lernversammlungen zu einer Art „Schlußfeier" benutzt haben, bei der naturgemäß das volkstümliche Element der Lehre stärker in den Vordergrund trat. Selbst der Umstand, daß der literarische Abschluß der Traktate zumeist in eine sehr späte Zeit fällt, in der die erwähnten Zusammenkünfte nicht mehr regelmäßig gehalten wurden, braucht nicht gegen unsere Deutung zu sprechen, da den abschließenden Redakteuren sehr wohl eine Überlieferung oder Erinnerung vertraut gewesen sein kann, die ihnen den Inhalt des letzten lebendig-schöpferischen „Lernens" am betreffenden Traktat mitteilte. Ein interessantes Beispiel für eine haggadische Spiegelung der Volksmeinung ist 44