Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 43 (sequence 3)
- Language
- German
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Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung Volk dessen eigenes Werk; nach Salomos Tod, 933, tagt in Sichern „die ganze Versammlung Israels" (I. Könige, 12, 3) und verlangt von seinem Nachfolger Rechabeam Erleichterung der Frondienste und Lasten. Als die höhnisch verweigert wird, trennt sich Land und Volk ins größere Nordreich Israel und ins kleinere Juda mit der heiligen Hauptstadt Jerusalem, das allein dem Davidischen Hause treu bleibt. Israel aber fiel ab vom Hause Davids „bis auf diesen Tag" (ebenda, 5, 19). Doch wie die Übernahme des Thorajoches durch den Gesamtheitswillen der geeinten jüdischen öffentlichen Meinung vollzogen wurde, so ist nicht nur der Abfall zum Königtum und der (gleichsam doppelte) Abfall vom Königtum auf ihre Rechnung zu schreiben, sondern auch die Rückkehr zur Thora, die sich unter Esra vollzieht. Dieser gewaltige Gottesmann betritt Jerusalem achtundfünfzig Jahre nach der „B alfour deklar ation" von damals, nach der Rückkehrerlaubnis des Perserkönigs Cyrus, findet die sittliche und religiöse Lage des Volkes noch weit schlimmer vor, als er dachte, und bricht nun in das ungeheuere Gebet aus, das ihn — ganz wie einst Moses — im religiösen „Wir" mit dem sündigen Volke vereint, ihn, den Reinen und Reiniger, mit jenen, die sich durch fremde Frauen befleckten und zu denen er ganz gehört mit dem Bekenntnis: „Denn wir haben Deine Gebote verlassen". (Esra, 9, 10.) Solche Hingabe des Einzelnen macht ihn zum Führer: das Volk sammelt sich, staunend zuerst und dann gläubig, um den Beter und Bekenner, schließt sich ihm an und fordert nun: „Auf! denn auf Dir liegt die Sache. Wir aber sind mit Dir. Sei stark und handle!" Doch bedarf es noch weiterer vierzehn Jahre und der organisatorisch-politischen Hilfe Nechemjas, bis am Neujahrstage 444 die Verpflichtung des gesamten Volkes auf die Thora erfolgen kann, jene Verpflichtung, die der Talmud von ferne mit der sinaitischen vergleicht. „Und das ganze Volk antwortete: Amen, Amen!" (Nechemia, 8, 6.) Die Epoche der jüdischen Schriftgelehrsamkeit, die mit „Esra, dem Schreiber" einsetzt, bringt neue und mannigfaltige Erscheinungsformen der jüdischen öffentlichen Meinung. Nur einige wenige seien hier betrachtet. Was zunächst die Halacha und die ihrer Festsetzung vorangehenden Diskussionen angeht, so hat Bialiks meisterhafter und hoffentlich den Lesern dieser Zeitschrift noch unvergessener Aufsatz „Halacha und Haggada" für eine Reihe von Fällen die tieferen Beweggründe der Streitenden freigelegt. Diese führen fast immer auf Massen- oder Parteiüberzeugungen zurück: so, wenn darüber verhandelt wird, ob Kriegswaffen als Schmuck gelten und deshalb am Sabbat getragen werden dürfen oder aber als Greuel für den Menschen dem Tragverbot unterliegen. Man 43