Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zionismus als unendliche Aufgabe
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Weltsch Debatte, sondern das Leben ist das Feld der Entscheidungen; aber schon die Form der „Konferenz" widersprach diesem Grundsatz der Unmittelbarkeit. Aus einer solchen Konferenz konnte nichts anderes entstehen als eine Partei mit Programm und Politik, dies alles gewiß sehr wichtig innerhalb des gegebenen Rahmens, aber nicht das fundamental Neue, das Außerordentliche, das versprochen worden war, und dessen Erfüllung vielleicht ein großes tragisches Ende gebracht hätte — denn der Tag der Erlösung war noch nicht gekommen. Dies auszusprechen bedeutet keine Anklage, sondern nur die Einsicht in das wirkliche Geschehen; und diese Einsicht ist notwendig, damit man sich nicht, verführt durch die ursprünglichen Tendenzen, über das Wesen des Gewordenen täuscht. Aber der Vorstoß in die Wirklichkeit, der 1920 begann, mußte zum Stillstand kommen, auch weil die materiellen Bedingungen ungenügend waren. Um erfüllen zu können, was gemeint war, mußten die Menschen, die zur Verwirklichung ausgezogen sind, zunächst einmal physisch leben. Die unklaren, aus der Kriegswirtschaft stammenden Vorstellungen, daß die Mittel dieses Lebens von außen herbeigeschafft werden können, mußten sich bald als Trug erweisen. Die Forderung war nun materielle Fundierung, um einen realen Niederschlag, eine soziale Gestalt zu erhalten. Verwirklichung ist nicht Schwärmerei und nicht Illusionismus, sondern Bewältigung der Wirklichkeit. Wir haben uns alle getäuscht über den Grad der Anteilnahme und über die konstruktiv-technische Fähigkeit des jüdischen Volkes, das seinen Vortrupp im Stiche ließ. Dies ist an dieser Stelle nicht zu erörtern; wohl aber die Anschauung derer zu bekämpfen, die es für ein Festhalten am Ideal halten, wenn man durch Nichtbeachtung der Tatsachen die Pioniere der Verwirklichung physisch und moralisch zermürben hilft. Was heute in der Sprache des zionistischen Tages „Konsolidierung" genannt wird, ist nichts anderes als der Wunsch, die Taten der seit 1920 Ausgezogenen nicht vergeblich geschehen sein zu lassen; der Wunsch, aus dem Stadium einer fiktiven Verwirklichung zu einem festen und soliden Werk zu kommen. Freilich tut es weh, daß das quantitative Ausmaß kleiner ist als man zuerst meinte, aber gegen diesen Umstand kämpft man nicht, indem man durch gewaltsame Ausdehnung alles Geschaffene ruiniert. Dazu haben nicht einmal die ein Recht, die es selber geschaffen haben. Ist nun diese Notwendigkeit derart, daß sie die Idee tötet? Heischt Erneuerung des Judentums eine Absage an die materielle Welt, Mißachtung ihrer Gesetze, unbedingte Hingabe? Auf diese Schicksalsfrage kann nicht ein Einzelner, kann nur die Geschichte die 38