Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zionismus als unendliche Aufgabe
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 37 (sequence 5)
- Language
- German
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Zionismus als unendliche Aufgabe daß sie das Unvereinbare trennen, das Diesseits dem sündigen Fleische anheim geben und den Geist für ein Jenseits reservieren, so ist es das Schicksal, die Größe und die Berufung des Judentums, stets von neuem den Versuch zu wagen, daß „der Geist ins Leben komme". Dieser Versuch darf nicht Unterwerfung unter die empirische Wirklichkeit sein, aber auch nicht ihre Bagatellisierung, denn das würde den Kampf von vornherein aussichtslos machen. Was wir unter Zionismus verstanden, war niemals eine einmalige, irdisch-politische, ökonomisch-praktische Unternehmung. Buber hat die tiefe verborgene Überzeugung der jüdischen Volksseele ausgesprochen, wenn er betonte, daß die Schaffung eines neuen nationalen Kleinstaates nicht unser Ideal sein kann. Und aus der Lehre Achad Haams haben wir definitiv die Erkenntnis geschöpft* daß der politische Zionismus, quantitativ gemessen, nur einen winzigen Bruchteil der Judenfrage lösen könnte, daß dagegen die qualitative Beschaffenheit der jüdischen Siedlung deren Bedeutung für die jüdische Gesamtheit ausmachen wird. Das dynamische Prinzip der jüdischen Geschichte ist das stets von neuem anhebende, unverdrossene Mühen um die Gerechtigkeit, die doch in der irdischen Welt der Triebe und der Selbstsucht nicht verwirklicht werden kann; und dennoch kann diese Welt nur dadurch bestehen, daß stets von neuem der Versuch unternommen wird. Ihn vergeblich zu nennen, bleibt dem rückschauenden Historiker, Soziologen, Wissenschaftler vorbehalten, der alles determiniert, während der handelnde Mensch sich frei weiß. Der Zionismus ist der Wille zur Verwirklichung der wahren jüdischen Gemeinschaft in Zion. Im „Heiligen Weg" und dann auf der Prager Konferenz des Hapoel Hazair (im März 1920) hat Buber dieses Ziel formuliert, in einem Augenblick der stürmischen Entladung des Willens zu persönlicher Tat. Die Idee des palästinensischen Hapoel Hazair, daß eine Erlösung des Volkes nur durch die Erlösung des einzelnen Menschen, d. h. aber durch Verwirklichung der Idee im persönlichen Leben, möglich ist, begegnete sich mit Bubers Formulierung der persönlichen Judenfrage. Dieses Ereignis, mitten im Paroxysmus politischer Illusionen, war zweifellos von großer Bedeutung für die Entwicklung des Zionismus. Aber seine volle Auswirkung wurde durch zwei Tatsachen verhindert: durch die mangelnde Beachtung der materiellen Faktoren im palästinensischen Leben und durch die Unfähigkeit, die politisch-parlamentarische Denkart zu durchbrechen. Um zunächst das zweite zu verstehen, muß man bedenken, daß die Prager Konferenz im Zeichen der direkten Aktion stand. Nicht die Politik und die 37