Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zionismus als unendliche Aufgabe
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 35 (sequence 3)
- Language
- German
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Zionismus als unendliche Aufgabe die Maschine aufrechterhält, die zuweilen sich gebärdet, als sei sie nur für sich selbst da. In Wahrheit aber ist die nationale Wirklichkeit, die der Zionismus zu schaffen hat, ein langsam und organisch wachsendes Wesen, in der Stille des Alltags arbeitender und lebender Menschen reifend. Ihr zugewandt sein bedeutet freilich einen Bruch mit den aus der utopischen (in ihrer Art notwendigen) Periode überkommenen Vorstellungen. Der Zionismus hat eine Wandlung durchgemacht. Das Getriebe der Organisation ist keine neue jüdische Wirklichkeit. Die nationale Erkenntnis war nur eine erste Stufe; wenn ihr keine Änderung des Lebens folgt, hat sie ihre revolutionäre Wirkung nicht erfüllt. „Erneuerung des ganzen Menschen" — so hat Buber vor dreißig Jahren das Ziel formuliert; und vor zehn Jahren hat er den „heiligen Weg" der Verwirklichung gezeigt. Aber dieser Weg ist ein unendlicher Weg. Er fordert die Unbedingtheit der Tat, die in ihrer Erdenwirkung doch nicht konkrete Dinge des nationalen Lebens schaffen muß. Denn bei der Entscheidung des Menschen kommt es auf das Wie, nicht auf das Was des Tuns an. Die Tat ist vor allem ein Ereignis des individuellen Lebens. Hier gelten nicht nationale Kategorien. Der Zionismus hat die jüdische Zukunft mit Palästina verbunden; aber für seine Verwirklichung sind Palästina und Galuth eine Einheit, jeder der beiden Teile heute in seiner Weise unzulänglich. Auch in Palästina trüben fiktive Vorstellungen und die Nöte des Tages oft den Blick für das Wesentliche; aber dieser Ort unseres reinen Daseins ist mit tausend Fäden mit dem Judenvolk der Welt verbunden, leidet seine Leiden, irrt seine Irrtümer mit, kann durch seine Erleuchtung befreit werden. Die offizielle Partei muß an den wichtigsten, den eigentlichen Problemen unseres Lebens vorbeigehen. Wir leben heute in einer großen Unruhe. Furchtbare Schicksale sind über uns dahingegangen, die Welt ändert sich, das Weltbild schwankt. Unter dem Druck der Not können wir uns gar nicht darauf besinnen, daß wir in den wichtigsten menschlichen Fragen keinen Halt haben. Wir fühlen heute viel stärker als jemals, daß wir ein Geschlecht des Übergangs sind. Wir sind Suchende. Der Zionismus hat uns das Problematische unserer jüdischen Existenz gezeigt, aber er hat uns keine Wirklichkeit als Lösung gegeben, sonden eine Aufgabe, deren Ende wir nicht sehen. So sind wir auf der Wanderschaft. Was wir tun können, ist, uns ständig selbst kontrollieren, um zu verhüten, daß irgendeine Scheinerfüllung an Stelle der Erfüllung tritt. Darum bedürfen wir heute, an einem neuen Wendepunkte, einer gründlichen Neuorientierung, die zunächst bei der Überprü- 3* 35