Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Zionismus als unendliche Aufgabe
Date
1928-01-01
Page
34 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110804--8250-3110901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Robert Weltsch Als politische Partei mußte sie allmählich die Rolle einer dämonischen Macht annehmen, wie sie in der Entwicklung jeder Religion die aus den ursprünglichen Impulsen der Religiosität heraus geschaffene Kirche spielt. Wie jedes derartige Gebilde hat sie die beiden polaren Funktionen in sich vereinigt: die schöpferische, indem sie als Instrument zur Schaffung jüdischer Wirklichkeiten dient (die freilich in einer ganz andersartigen Sphäre entstehen); und die zerstörende, retardierende, indem sie um ihrer selbst willen ein neues System von Fiktionen aufstellt, die die Menschen von der Wirklichkeit trennen. Die zionistische Bewegung ist heute wieder in einem kritischen Stadium. Die Hoffnungen, die zweimal auf ein radikales politisches Mittel gesetzt wurden, einmal in dem utopischen Stadium Herzls, das zweite Mal in dem deklaratorischen Stadium der Balfour-Zeit, haben sich nicht erfüllt. Aber die Ansammlung von festen Begriffen und Vorstellungen, von Parolen und Programmen, die diese beiden Perioden geschaffen haben, ist zurückgeblieben; und die eigentliche Krise besteht vielleicht darin, daß die Menschen mit diesen ausgeleerten Begriffen nichts mehr anzufangen wissen und doch an ihnen festhalten, weil sie nichts anderes haben. So entsteht die große Gefahr eines sich Verlierens in Illusionen, und die Kehrseite dieser Haltung ist innere Unzufriedenheit, verschwommene Skepsis, letzten Endes Unglaube; da haben die zerstörenden Kräfte der Dämonie leichtes Spiel. Und über diese innere Lage kann auch kein noch so lautes Verkünden eines Programmes hinwegtäuschen; innerhalb des Parteibetriebes ist prinzipiell nicht der geringste Unterschied zwischen den Gruppen, ob sie sich nun „radikal" oder anders nennen. Der Zionist, der ein neues Judentum gewinnen wollte, schien sich, mitten am Wege, mit der Parole eines neuen Judentums zu begnügen. Der Eintritt in die Partei, die nicht Instrument eines einmaligen Aktes, sondern eine dauernde, gewissermaßen legitimierte Einrichtung wurde, war — als ein Bekenntnis — ein erster Schritt zur Bewegung; er sollte, im Bewußtsein des unendlichen Abstandes vom Ziel, Bescheidenheit wecken, aber für viele wurde er Grund zu selbstgerechter Sicherheit. Der zionistische Kongreß, ursprünglich Verkündung einer Idee und eines Zieles, artete in Parlamentarismus aus, der der wesentlichen Bedingungen entbehrt. So entstand die traurige Erscheinung, daß innerhalb des Zionismus Parteien und Menschen einander mit größter Erbitterung bekämpfen und, was viel schlimmer ist, einander menschlich geringschätzen. Kongresse und Konferenzen sind eine Qual geworden, alle wissen es, keiner wagt es zu sagen. Ein seelenloser Bureaukratismus mit allen seinen unvermeidlichen Begleiterscheinungen, bildet das Gerüst, das 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.