Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zionismus als unendliche Aufgabe
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 33 (sequence 1)
- Language
- German
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ROBERT VELTSCH Zioni8mu# als uuentiUc&e aufgäbe Die Generation jüdischer Menschen, die am Ausgang des Zeitalters der bürgerlichen Emanzipation stand und nach einem Jahrhundert, das sich im wesentlichen nur der formalen Eingliederung der Juden in die bürgerliche Gesellschaft widmete, wieder die Notwendigkeit eines lebendigen Anschlusses an das Judentum empfand, hat begriffen, daß dieser Anschluß nicht bloße „Rückkehr" sein kann, sondern Neuschöpfung sein muß. Dem jüdischen Leben war fast jede materielle Grundlage entzogen; es galt, eine neue Welt aus den Rudimenten der alten aufzubauen, die Kontinuität von der Vergangenheit zur Zukunft wiederherzustellen. Dem von der jüdischen Tradition losgelösten europäischen Juden bot die nationale Bewegung die Möglichkeit einer Wiederanknüpfung. In ihr war die ganze Fülle und Weite eines freien Gemeinschaftslebens verheißen, sie war der Wille zur Überwindung der jüdischen Gegenwart, sie brachte etwas prinzipiell Neues in die jüdische Welt. Sie bot vor allem auch einen Ausweg aus dem völlig unfruchtbar gewordenen Streit zwischen Orthodoxen und Reformern, die beide der Wirklichkeit gegenüber versagten; freilich lag dieser Ausweg zunächst nur in einem prinzipiellen Schema und in einer Suspension der Entscheidung. Denn erst durch den nationalen Aspekt wurde die Leere und die Bodenlosigkeit des ganzen jüdischen Lebens aufgehellt und das Wesen der Judenfrage in dem Mangel einer lebendigen Wirklichkeit, in dem gespenstischen Verharren in einer fiktiven Welt, enthüllt. Auf diesem wüsten Boden mußte auch die religiöse Diskussion versiegen. Die nationale Erkenntnis gab eine neue Orientierung, ein neues Gefühl der Verbundenheit; aber sie gab noch nicht das, dessen Notwendigkeit sie erkannt hatte: jüdische Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit in einer ganz buchstäblichen, greifbar konkreten Form zu schaffen, war das nächste Ziel des politischen Zionismus. Er war zunächst als einmalige politische Aktion gedacht, deren Durchführung nur kurze Zeit in Anspruch nehmen sollte. Die Zionistische Organisation war keineswegs Selbstzweck, sondern das Werkzeug zur Vollbringung dieser Tat. Das Problem der Zeit zwischen Konzeption und Ausführung existierte nicht. Plötzlich aber erkannte man, daß Generationen in dieser Lücke leben, ihren Alltag leben müssen. Es ist eine eigentümliche Entwicklung gewesen, die allmählich die Vorstellungen von der Erreichung des Zieles wandelte; und da der Idee keine Realität entsprach, wurde die Organisation mit immer stärkeren eigenen Lebensrechten ausgestattet. 3 Der Jude, Sonderheft 33