Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Biologie des Zionismus
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 30 (sequence 10)
- Language
- German
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Markus Reiner sehen Volke, und dieses können wir nicht gewinnen — verschließen wir uns doch nicht dieser unangenehmen Erkenntnis — solange wir die Balfourdeklaration haben, die BalfOurdeklaration, die besagt, daß Großbritannien uns unsere Heimstätte gibt in einem Lande, dessen Herr es nicht ist. Gibt es zionistische Politik, so kann ihre Aufgabe daher keine andere sein, als die Erlangung eines Charters vom arabischen Volke, und dazu gehört, daß wir darauf verzichten, uns auf eine dritte fremde Macht zu stützen. Eine Aufgabe, die schwieriger ist, als die Erlangung der Balfourdeklaration. (So wie es für Deutschland schwieriger war, Elsaß-Lothringen loszuwerden, als es zu erobern.) Die eigentliche Gegenwartsaufgabe Aber unsere eigentliche Gegenwartsaufgabe liegt gar nicht auf dem Gebiete der Politik, sondern auf einem ganz anderen, realeren, lebendigeren. Buber hat sie in seiner größten Rede, jener über den „heiligen Weg", uns und den Völkern verkündet. Es ist die Begründung einer menschlichen Gemeinschaft auf jenem Wege, den er die „revolutionäre Kolonisation6' nennt. Revolutionäre Kolonisation, die darin besteht, „nicht die bestehende Struktur umzubauen, sondern siedelnd neuen Bestand zu stiften". Damit wären wir Pioniere der großen Revolution, der ersten und einzigen dieser Art in der menschlichen Geschichte und — soweit wir wissen — in der Geschichte des Lebens überhaupt* einer wahrhaft biologischen Revolution, welche darin besteht, daß die Menschheit als Gattung zum ersten Male daran geht, ihr Schicksal selbst zu gestalten, ihr Leben bewußt einzurichten, die Erde zu kolonisieren, in das CJiaos Ordnung zu bringen. Wir haben damit angefangen. Sie wissen, was ich meine; unsere landwirtschaftlichen Siedlungsformen, besonders die Kwuzoth, sind revolutionäre Kolonisation. Die Reaktion Und nun stehen wir plötzlich vor der Gefahr, daß dieses junge Leben, das ganz spontan gewachsen ist, nicht von Doktrinen gezeugt und nicht künstlich gepfropft — daß dieses Leben im Keime erstickt werden soll. Wir gehen zu Tauben und fragen sie, wie ihnen unsere Musik gefällt; sie, denen wir doch erst die Ohren öffnen wollen. Und man beschafft sich Gutachten von Menschen, die nicht wissen, was wir wollen. Hatte man sich erst an den Kwuzoth begeistert, so stempelt man sie jetzt zur Parteisache und verlangt, unsere Kolonisation solle „parteilos" sein, sie solle „auf dem gesunden Boden des normalen europäischen Wirtschaftssy- 30