Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Biologie des Zionismus
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 28 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110803--8243-3110895- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Markus Reiner sere zionistische Politik auf die einzig mögliche und solide Grundlage: den Messianismus. Und nehmen wir die Aussprüche unserer Propheten als das, als was sie gemeint waren: nicht als Rhetorik und nicht als Literatur, sondern als praktische Ratschläge und Anweisungen für die Bedürfnisse des Tages — eines Tages allerdings, der gerade damals und ehen damit anfing und von dem vielleicht nicht mehr als — sagen wir — die erste Viertelstunde vergangen ist. Der Augenblickszionismus Dieser wahrhaft radikale Zionismus wird sich wesentlich vom Augenblickszionismus unterscheiden müssen, der im Jahre 1897 anfing — also biologisch gesprochen nicht' gestern, sondern vor dreißig Sekunden. Sein Begründer war so sehr dem Augenblick verhaftet und sein Kind, daß er bereit war, sein Ideal den Mächten des Augenblickes und des Todes auszuliefern: den Kabinetten der „Großmächte" und! ihrer Diplomatenpolitik; ja daß er zur Beurteilung der Lebensfähigkeit seiner Idee sich an jenen Mann wandte, der im Leben eines anderen Volkes eine unheilvolle und vielleicht parallele Rolle spielte: an Bismarck. Wie lange hat das deutsche Volk in ungeheuerlicher Verkennung der Tatsachen, beinahe ohne Ausnahme (um so rühmlicher die Ausnahme F. W. Försters) in Bismarck seinen nationalen Heros gesehen, bis es, nach einer fürchterlichen Katastrophe, die die direkte Folge seiner Politik war, erkannte, daß er in Wahrheit sein böser Geist gewesen war. Nicht Bismarck hatte die deutsche Einheit geschaffen. Deutschland war auf dem Wege zur Einigung gewesen und mußte sich einigen, kraft der ihm innewohnenden Kräfte. Bismarck hatte sich diese lebendigen Kräfte zunutze gemacht — aber er hat verhindert, daß sie sich lebendig auswirkten. Er vermäJhlte sie mit dem Tode, mit jenem archaistischen Preußen, zu dem Herzl bewundernd aufblickte und das er in seinem übelsten Vertreter an den Toren Jerusalems begrüßte. Und so kam es, daß das geeinigte Deutschland nicht das Antlitz Goethes trug, ja nicht in Gestalt eines zivilisierten Europäers erschien, sondern im langen Waffenrock, mit hohen Stiefeln, das Schwert an der Seite und auf dem Kopf den Pickelhelm — so wie es in unzähligen Denkmälern, die das Land bedecken, erscheint. Die Augenblickspolitik Es war ähnlich mit Herzl. Auch hier gab es eine geistige Bewegung, die die Wiederbelebung des Judentums bringen mußte. Sie wurde aus den lebendigen Kräften des Judentums gespeist, langsam tastete sie sich vorwärts . . . ein Stjammeln in eigener 28