Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Die Biologie des Zionismus
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 25 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Biologie des Zionismus als Volk, an ihr zum Volk werdend": unser Volk. Mit ihm fängt die Geschichte der Menschheit an, in ihm wurde sich die Menschheit zuerst ihrer Einheit bewußt, hier entstand die große Utopie der messianischen Welt, der Erfüllung des Lebens. Blicken wir, bevor wir weitergehen, noch einmal, um uns. — Vom Pantheismus haben wir bereits gesprochen. Seine monistische Welt ist naiv und kindlich, freut sich in erster Freude seines Daseins und kennt kein Erlösungsbedürfnis. Reift der Mensch, so faßt ihn der Schrecken seiner Existenz, sieht er, wie groß daa Reich des Todes und wie zersplittert und blind die Kräfte des Lebens. Die naive Daseinsfreude ist unwiederbringlich dahin, er ringt nach Erlösung. Zwei Wege bieten sich ihm: der Weg des Todes und der Weg des Lebens. Der erste ist der indische der1 Verneinung — der zweite der jüdische der Bejahung. Die indische Erlösungsidee retiriert und strebt in das zeitlose Dasein des Todes zurück — die jüdische folgt der Berufung und nimmt ihren Weg durch die Zeit1). Die Tat Das Vehikel auf dem Wege des Lebens ist die Tat. Dies sagte Bub er uns in der dritten Rede. Und hier darf ich vielleicht von Persönlichem sprechen, von jenem Persönlichen, von dem ich doch glaube, daß es für unsere Generation, bevor sie Buber fand, typisch war . . . War es nicht auch in Ihrem Kreise so: Den Zusammenhang mit jüdischer Tradition hatten wir verloren; unser Bewußtsein hatte sich verdunkelt; Geist, wo er zu uns sprach, war fremder Geist aus fremder Welt. Dort war die Tat verächtlich geworden. Sie wurde als Vehikel des Fortschritts abgetan. Wo nicht heidnische Diesseitsbejahung (heidnisch aber nicht naiv) herrschte, verbreiteten sich die lähmenden Dünste der indischen Todessehnsucht, durch ein verfärbtes Christentum, durch Schopenhauer, durch Kirche und Musik. Auch Tolstoi, von so vielen verehrt, war jener lähmenden Wirkung verfallen. Die Quellen des Lebens sollten verstopft werden. Russische, deutsche, skandinavische Dichtung und Philosophie wirkten zusammen; von dem, was in englischer Sprache sich begab, wußten wir wohl alle zu wenig. Hier half, hier rettete uns Buber. Er reinigte die Tat, er stellte sie neu vor uns, er band sie an die letzten Dinge ... Er rettete für uns das Leben. „Es gibt nichts an sich Böses; jede Leidenschaft kann zur Tugend, jeder Trieb ein Wagen für Gott wer- ') Sicherlich schematisiere ich zu sehr. Ich weiß z. B. nichts von dem Weg des Volkes der Chinesen. Aber wie gesagt: dies ist ja nur ein Brief. 25