Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der junge Buber und der Herzlsche Zionismus
Date
1928-01-01
Page
16 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110801--8227-3110883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hans Kolin und ist eine Komponente der jüdischen Nationalbewegung. „Diese Bewegung", schreibt Buber 1900 von der jüdischen Renaissance, „wird vor allem das einheitliche ungebrochene Lebensgefühl de3 Juden wieder auf den Thron setzen. Das ist ein Losungswort gegen die reine Geistigkeit. Als wir noch das kleine weltbewegende Volk jenes seltsam gesegneten Erdenwinkels waren, da schufen wir Geistiges, aber wir waren voll starken expansiven Lebensgefühls, das oft genug überschäumte und sich, wenn das eigene Gesetz keinen Raum dafür ließ, in den fremdartigen Orgien der Nachbarvölker auszuleben versuchte; und in Wahrheit blühten gerade aus diesem Lebensgefühl unsere großen Geistesschöpfungen auf." Der Zionismus wird den Juden „wieder dazu bringen, nach harmonischer Entfaltung seiner Kräfte zu streben und eines gesunden und vollkommenen Leibes in Stolz und Liebe froh zu werden. Er wird durch Erziehung eines lebendigen Schauens die Gabe jüdischen Malens und Meißeins entfalten. Über unsere Tage wird der Glanz einer neuen Schönheit ausgegossen." Der Jude, der nie ein Augenmensch und ein Bildner war, soll es werden. „Drei Dinge vor allem versteht der heutige Jude nicht: zu leben, zu schauen, zu schaffen. Diese drei Dinge in sich zu bilden, das ist es, was uns zu tun obliegt ... zu schauen! Warum versteht der Jude nicht zu schauen, warum ist sein Auge unsicher und unfähig, die Fülle der sichtbaren Welt zu umfassen? Wir wissen, daß es Sünde ist, nicht zu schauen/6 Buber wollte das jüdische Leben voller und wirklichkeitsnäher. Des jungen Juden, der zu seinem Volke zurückgekehrt war, bemächtigte sich die Freude, die von Sehnsucht über das bisherige hinaus erfüllt war. „Feste des Lebens" sollten gefeiert werden. Jeder Augenblick sollte mit Inhalt erfüllt sein. Aus dieser vitalistisch-ästhetischen Auffassung entsprang eine wichtige und grundlegende Erkenntnis, mit der der junge Buber eine neue Stufe in der zionistischen Bewegung erreicht hat. Herzls Zionismus war Erwartung. Das Ziel schien ihm nahe, in weniger als zwanzig Jahren und mit einer einmaligen Unternehmung erreichbar. Er lebte in der Zukunft und die Zeit dazwischen war ein Vakuum, gelebt ohne jede innere jede Stunde ausfüllende Beziehung auf das Ziel. So blieb Herzl in seiner Art ein Träumer des Ghettos, der die unmittelbare Gegenwart nicht veränderte. Buber und Feiwel prägten im Jahre 1901 das Wort von der „Gegenwartsarbeit", das zum Programm geworden ist. Ihnen ging es um das Hier und Jetzt, um die unmittelbare Gegenwart und um ihre Erfüllung mit jüdischem Leben. Zionismus ist nicht ein politisches Ziel, Zionismus ist Leben. Buber will die „Umgestaltung des Volkslebens", die „Erziehung einer neuen 16

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.