Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der junge Buber und der Herzlsche Zionismus
Date
1928-01-01
Page
7 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110801--8218-3110874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Der junge Buber und der Herzische Zionismus und Achad Haam versuchte Synthese war aber noch unvollkommen» In Heß war sie viel mehr eine geniale Erkenntnis als eine in Kenntnis gegründete, in sich geschlossene Überlegung; in seinen Schriften sind keimhaft die Hauptzüge der späteren Synthese vorweggenommen, ohne aber noch zu klarer Selbständigkeit fortgeführt zu werden. In Achad Haam kamen aber sowohl die Aufklärung wie der Chassidismus zu kurz; seine Synthese erschöpfte die Tiefe keines dieser beiden Ströme. Sie war in umfassendem Wissen und in verantwortungsvoller Weisheit verankert, doch fehlte ihr die Heß eigene geniale Intuition. Erst Martin Buber hat diese Synthese vollzogen, er hat die Aufklärung und den Chassidismus voll in sich aufgenommen und zu einer Einheit verschmolzen, nicht nur zu der Einheit seiner Persönlichkeit, die ein einmaliges Ereignis sein konnte, sondern zu der Einheit einer Lehre, die die jüdische Renaissancebewegung im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts abgeschlossen und den Prozeß der jüdischen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts zu einer vorläufigen Erfüllung geführt hat. Aufklärung und Chassidismus waren die zwei grossen Mächte, denen Buber auf seinem Lebenswege in den ersten Jahrzehnten begegnet ist. Den Jüngling sollte vorerst die Aufklärung in ihren Bann ziehen, die Breite europäischen Geisteslebens, die freie Schönheit entfesselten Spieles. Die Eindrücke, die er in seiner Kindheit vom Chassidismus erfahren hatte, wurden erst später wirksam. Die Juden des Landes, das seiner Kindheit und ersten Jugend Heimat wurde, Galizien, waren wie kaum in einem zweiten Lande in die Gefolgschaft der Aufklärung und des Chassidismus zugleich hineingewachsen. In Galizien hatte die Aufklärung noch zur Mendelssohn- Sehen Zeit, früher als in Rußland, eingesetzt und auf der einen Seite in Männern wie Nachman Krochmal und Salomo Jehuda Rapoport die ersten Vertreter der modernen jüdischen Philosophie und Wissenschaft, auf der anderen Seite in Isaak Erter und J. H. Schorr die ersten Novellisten und satirischen Kämpfer gegen den Chassidismus hervorgebracht. In das österreichische Galizien, dessen bürgerliche jüdische Intelligenz in Wien ihren Mittelpunkt sah, drangen auch bald die kulturellen Einflüsse Deutsch-Österreichs. Aber Galizien war auch die Heimat des Chassidismus und blieb die Stätte seiner unausgesetzten Wirksamkeit. Hier übte gerade die mystischverzückte Art des Chassidismus die Herrschaft über die Seelen aus. Die Zaddikim bildeten und bilden heute noch mächtige Führerdynastien mit vielen Tausenden von Anhängern, denen der Zaddik unanfechtbare Autorität in allen Fragen der Religion und des Lebens ist. In den Kreisen dieser Chassidim lebt die mündliche und schriftliche Überlieferung der Taten und weisen Lehren ihrer 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.