Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Der junge Buber und der Herzlsche Zionismus
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110801--8217-3110873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hans Kohn Weihe des Alltags und lodernde Flamme des Aufruhrs, eine wieder unmittelbare und lebendige Zwiesprache mit Gott, Erst im achtzehnten Jahrhundert wurden innerhalb des Judentums Kräfte lebendig, die wie Renaissance und Reformation seine mittelalterliche orientalische Form zu zerbrechen unternahmen und es in das europäische Geistesleben einreihten. Die Juden waren so das erste orientalische Volk, das diesen Weg ging, auf dem ihnen im neunzehnten Jahrhundert die Russen und der gesamte Orient folgten. Diese Revolution im Judentum vollzog sich in zwei voneinander unabhängigen, ja in ihren Ausdrucksformen entgegengesetzten Bewegungen, die dennoch beide geschichtlich eng zusammengehören: in Aufklärung und Chassidismus. Beide zielten auf eine geistige Neuwerdung, die eine im Vertrauen auf die Kräfte der Vernunft und den Blick auf das Beispiel Europas gerichtet, die andere im Vertrauen auf das Feuer mystischer Glut und den Dienst reinen Herzens und das Ohr auf die Zwiesprache zwischen Mensch und Gott lauschend. Die Aufklärung, getrieben von Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit, zerbrach die Wand, die die Judenheit von der europäisch-hellenistischen Kultur schied, gab dem Juden die ganze Breite und Fülle des menschlichen Erdkreises. In einer engeren Sphäre, aber mit größerer Intensität, hob der Chassidismus die Freiheit der Persönlichkeit und den Wert der Individualität aus der Vergangenheitsbindung in die Einmaligkeit des Hier und Jetzt, Damit war das neuzeitliche Judentum schon in seiner Entstehung vor die Aufgabe gestellt, deren Lösung seine Geschichte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert beschäftigt: eine Synthese zwischen Assimilation und Chassidismus zu finden und dieses neue Judentum in den historischen Prozess des Volkstums einzureihen. In drei Männern ist dieser Weg gegangen und die Aufgabe ihrer Losung zugeführt worden: in Moses Heß, in Achad Haara und in Martin Buber. Moses Heß, Sohn der Aufklärung, Rheinländer wie Heine und Marx, revolutionärer Sozialist und Frankreich in Liebe zugetan, hat als erster in seiner im Jahre 1862 erschienenen Schrift „Rom und Jerusalem" die Stellung des Chassidismus in dem Übergangsprozeß des Judentums aus seinem Mittelalter in seine Neuzeit erkannt und seine Bedeutung als wesentliches Element in einer jüdischen Renaissance hervorgehoben. Achad Haam, aus angesehener chassidischer Familie, später ein Schüler der englischen evolutionistischen Philosophie, hat in seiner Lehre von der Wiedergeburt des Judentums eine Synthese beider Strömungen versucht und ist dadurch nicht nur der große Lehrer der zionistischen Bewegung geworden, sondern hat auch vielfach die spätere Fortführung mancher seiner Gedanken durch Martin Buber angebahnt. Die von Heß 6