Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Dostojewski und das Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 78 (sequence 13)
- Language
- German
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A. S. Steinberg Hat man je einen Antisemiten so reden hören? Darum legt denn auch Dostojewski in demselben Aufsatz ausdrücklich Verwahrung dagegen ein, daß ihm Judenhaß zum Vorwurf gemacht werden könne. Dies ist der zweite höchst eigentümliche Zug in seiner persönlichen Beziehung zum Judentum: es ist ein Antisemitismus, der sich seiner selbst gleichsam schämt, ein Judenhaß, durch den ein innerer Riß geht, der sich selbst haßt und an sich selber irre wird. „Wann und wodurch", so ruft Dostojewski aus, „habe ich meine Feindseligkeit gegenüber den Juden als Volk kenntlich gemacht? Da ich in meinem Herzen nie einen solchen Haß gehegt habe, was die Juden, die mich kennen und mit mir verkehrt haben, genau wissen (eine fast wörtliche Wiederholung der Sätze aus dem Brief an Kowner), möchte ich gleich zu Beginn und ehe ich noch ein Wort gesprochen, vor allen Dingen diese Beschuldigung von mir weisen, und zwar ein für allemal, damit ich nicht mehr darauf zurückzukommen brauche". Mit solchem Ungestüm verleugnet Dostojewski seinen Judenhaß in demselben Aufsatz, in dem er die niedrigsten Verleumdungen und Verdächtigungen gegen das jüdische Volk mit aller Eindringlichkeit vorbringt! Die Gesinnungsart, die uns in all diesen Äußerungen entgegentritt, verrät nicht mehr einen rein theoretischen, auf logischem Wege irgendwie zu überwindenden Widerspruch, sondern gewährt uns einen Einblick in den inneren Kampf, der sich in Dostojewskis Seele, im Bereiche seines eigenen Gewissens abspielte. Die jüdische Frage war ihm eben kein abstraktes Problem, sie bedeutete ihm vielmehr eine der brennendsten Fragen seiner persönlichen Religion, des Glaubens an den letzten Sinn und Zweck seines eigenen Lebens und Schaffens. So tritt uns der russische Prophet Dostojewski gleichsam als Widerspiel zum midianitischen Wahrsager in dem Pentateuch-Buche „In der Wüste" entgegen: während Bileam das Volk Israel verfluchen wollte und es wider Willen segnen mußte, möchte es Dostojewski voll Bewunderung und Dankbarkeit segnen und muß es dennoch verfluchen. Er möchte das Judentum preisen, wie ein Sohn den geistigen Vater preist, und er muß es verdammen, weil es über seine Kraft geht, sich von seinem einseitigen Messiasglauben und von der ihn beherrschenden Idee zu befreien, wonach der geschichtliche Segen nur auf einem einzigen Volke ruhen könne. Nagt doch zugleich an seinem Herzen auch der Zweifel; er ist dessen nicht ganz sicher, daß das jüdische Volk auch wirklich nur der Schatten einer großen Vergangenheit ist: „Das letzte Wort bleibt noch immer der Zukunft vorbehalten". Vielleicht — so mochte er sich in seinem Herzen sagen — hat ihn seine ungestüme Liebe zu seinem Volke auf Irrwege geführt, 78