Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Dostojewski und das Judentum
Date
1925-01-01
Page
77 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110689--8189-3110784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dostojewski und das Judentum — nicht der Ort, zu sterben, nicht der Ort, das Leben zu verneinen. Gespenster mögen sich mit dieser negativen Bejahung des Lebens wehmutsvoll abfinden, der wahrhaft Lebendige zieht diesem Fluche der Fortdauer den Freitod vor. Nur der, der von seinem Gotte nicht mitgeschleift wird, sondern ihm selbst und dem von ihm gesalbten Heiland den Weg bahnt, hat das Recht und die Pflicht zu leben. So offenbart sich uns der „Antisemitismus" Dostojewskis als die andere, die Kehrseite, als die wahre Grundlage seines eigenen „Judaismus". Der scheinbare Widerspruch ist in Wirklichkeit nichts als geradlinige, eiserne Logik. 6. Indessen ist das Problem auch damit noch keineswegs erschöpft Wäre Dostojewski nur ein trockener, von dem Drange nach Folgerichtigkeit besessener Theoretiker, dann könnte sich sein Gemüt vielleicht bei dieser gedanklichen Konstruktion beruhigen und sein bizarrer, rein logischer Antisemitismus wäre nichts als der Schatten seines „russischen Gottes". Allein auch in seinem Verhältnis zum Judentum wird Dostojewski dem tiefsten Ernst seines Wesens nicht untreu, und sein von qualvollster Problematik durchfurchtes Herz, die ewige Kampfstatte des Guten und Bösen, kommt auch hier wieder einmal zu seinem Recht Derselbe Aufsatz „Die jüdische Frage", den wir bereits als ein Dokument ausgesprochenen Judenhasses kennengelernt haben, weist eine Reihe von Elementen auf, die sich in keiner Weise unter den Begriff Antisemitismus subsumieren lassen, ja in krassem Widerspruch zu ihm stehen. Da ist vor allem die grenzenlose Ehrfurcht vor der sogenannten „Judenfrage", ein Gefühl, wie es sogar die jüdischen nationalistischen Heißsporne nur ganz selten kennen. „Oh, glaubet nicht," so ruft Dostojewski gleich zu Beginn seines Aufsatzes aus, „daß ich hier die jüdische Frage anzuschneiden gedenket . . . Eine Frage von diesem Ausmaß . - . geht über meine Kraft Einer solchen Frage bin ich nicht gewachsen". Und dann heißt es weiter: „Ungeachtet der verflossenen vierzig Jahrhunderte sind noch nicht alle Zeiten und Fristen erfüllt, und so kann das letzte Urteil der Menschheit über dieses große Volk noch immer nicht gefällt werden: das letzte Wort bleibt noch immer der Zukunft vorbehalten". „Die machtigsten Weltkulturen vermochten nicht einmal die Hälfte des Zeitraums von vierzig Jahrhunderten zu erreichen und gingen dennoch ihrer politischen Kraft und ihrer nationalen Prägung verlustig ... So tut sich uns denn hier ein Weltabgrund von solcher Tiefe auf, daß die Menschheit wohl einstweilen gar nicht imstande ist, das passende Wort dafür zu finden". „Die Juden sind ein Volk, das in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat". 77

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.