Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Dostojewski und das Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 79 (sequence 14)
- Language
- German
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Dostojewski und das Judentum vielleicht ist das russisch© Land und die russische Nation gar nicht würdig, den Welterlöser aus ihrem Schöße zu gebaren. Der geringste der „wachthabenden" Juden erschien gleichsam als Kronzeuge der Gegenpartei, der feindlichen Partei in seiner eigenen Seele . . . So ballt er denn krampfhaft die Fäuste und bemüht sich mit aller Kraft, sich selbst zum Trotz, den Beweis zu führen, daß das jüdische Volk eigentlich nicht mehr existiere, daß seine ganze Energie und Lebenskraft nichts als Spiegelfechterei, nichts als die Maskierung einer Scheinexistenz sei, daß die religiöse Inbrunst der Juden, ihr Beten und Klagen, ihr Leid und ihr Jubel, nur elende Schauspielerei, nur angelernte Reflexbewegungen seien. Sprechen doch die Juden, wie Dostojewski gegen Ende seines Lebens an seine Frau schreibt, „nicht wie Menschen, sondern leiern ganze Druckseiten, ganze Bände ab" (Briefe aus Bad Ems vom 28. und 3o. Juni 1879). Um die Zweifel, von denen der Geist Dostojewskis geplagt wurde, in ihrer ganzen Bitterkeit nachfühlen zu können, muß man sich noch vor Augen halten, daß er aus seinen Glaubenspostulaten die allerpraktischsten Konsequenzen zu ziehen pflegte. Die flammende Begeisterung, mit der Dostojewski für das Recht Rußlands auf den Besitz von Konstantinopel eintrat, ging letzten Endes darauf zurück, daß ihm die türkische Hauptstadt den Schlüssel zum „Heiligen Lande", zu Palästina, zu bieten schien. Palästina, die Geburtsstätte Christi, mußte aber aus dem Grunde russisch, zu einem unlösbaren Bestandteil Rußlands werden, damit Rußland einstmals zum Lande der Wiederkunft des Messias werden könne, der der Menschheit, wie Dostojewski zuversichtlich hoffte, die endgültige Erlösung bringen würde. Solange jedoch das jüdische Volk, das „Volk Israel", noch zu den Lebenden gezählt werde, müsse auch Palastina als das „Land Israel" gelten, und das Recht Rußlands und seine weltgeschichtliche Mission sind dann von neuem gänzlich in Frage gestellt So stieß Dostojewski überall, auf allen seinen Wegen auf die Juden und das Judentum: sowohl in der Welt des abstrakten Denkens als in seiner eigenen, von inbrünstigem Glauben und nagender Zweifelsucht aufgewühlten Seele, wie auch auf dem Felde der praktischpolitischen Tagesfragen. Indessen waren alle diese Richtungen seines geistigen Horizonts nichts als drei von eifern einzigen Mittel* punkt, jener Lichtquelle seines unbedingten Russentums, ausgehende Strahlen, aus der er sein Leben lang Trost und Schaffensenergie schöpfte. Eine Gestalt von wahrhaft biblischer Größe! Eine Gestalt, die unwillkürlich an jene ältesten jüdischen Propheten erinnert, die sich noch nicht zu der Höhe der allmenschlichen Gesinnung eines Jesaja, eines Micha, eines Jona emporzuringen vermocht hatten. 79