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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 76

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Dostojewski und das Judentum
Date
1925-01-01
Page
76 (sequence 11)
Language
German
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A. S. Steinberg tersteht sich, frech wie er ist, ihm zuzurufen: Wieso ist dies dein Erbteil? Wo bleibe denn ich? Bin Ich denn nicht mehr unter den Lebenden? . . . „Es gibt aber nur eine einzige Wahrheit", unterbricht ihn wütend Dostojewski durch den Mund Schatoffs, „und nur eines der Völker kann daher den wahren Gott sein eigen nennen". Also entweder wir Russen oder ihr Juden; oder richtiger: das wahre Judentum ist heute eben das Russentum. Sobald das russische Volk den Glauben aufgibt, daß nur es allein auf die nationale jüdische, auf die messianische Idee, wie sie in der jüdischen Heiligen Schrift verewigt ist, Erbansprüche zu erheben berechtigt sei, hört es auf, geschichtlich bedeutsam zu sein, und sinkt auf die Stufe eines nur „ethnographischen Materials*' herab. Ist aber andererseits die geschichtliche Wahrheit, die Zukunft und das Los des gesamten Menschengeschlechts in die Hände der Russen gelegt, dann sind die noch am Leben gebliebenen Juden nichts als Geschichtsstaub, nichts als bloßes Menschenmaterial, dann sind eben die Juden — Juden, Jüdenmännlein, Jüdlein und Jüdchen". An einer wenig auffälligen Steile in „Schuld und Sühne" (Teil VI, Kap. 6, am Ende) zieht Dostojewski auch diese Konsequenz mit nicht mißzuverstehender Klarheit Als Swidrigailoff seinen letzten Entschluß gefaßt hat und in den düsteren Petersburger Morgen hinausgeht, um in Gegenwart eines „offiziellen Zeugen" seinem Leben ein Ende zu machen, fällt sein Blick auf einen vor dem Wachtturm der Feuerwehr postierten Wehrmann. „Mit schläfrigem Blick schielte dieser kühl nach dem auf ihn zukommenden Swidrigailoff. Aus seinen Gesichtszügen sprach jene urewige mürrische Wehmut, die ausnahmslos allen Gesichtern der Angehörigen des jüdischen Stammes einen so sauren Ausdruck verleiht'*. Swidrigailoff greift zum Revolver, während der schmächtige jüdische Wächter mit dem „Achilleshelm" auf dem Haupte in einem fort stottert: „Nicht hier der Ort". Swidrigailoff aber laßt sich nicht beirren und der Schuß fällt. — Bedenkt man, daß bei Dostojewski, namentlich in dem formvollendetsten seiner Werke, kein Auftritt, keine Gestalt, kein Wort ohne tiefere Bedeutung ist, so gibt dieser Abschied Swidrigailoffs vom Leben gleichsam ein Rätsel auf, das jedoch nicht schwer zu durchschauen ist, wenn man die „Idee" Swidrigailoffs mit Dostojewskis eigener Auffassung vom Judentum zusammenhält Swidrigailoff empört sich in tiefstem Seelengrunde gegen die Idee der Ewigkeit und Unsterblichkeit als einer „schlechten Unendlichkeit", gegen das ewige Einerlei und die ewige Wiederkehr, und es ist der Jude mit seinem ewig währenden Schattendasein, der die Eidstenz nur um der Existenz willen in all ihrer Sinnlosigkeit gleichsam handgreiflich werden läßt. Gleich einem zahmen Papagei weiß er immer wieder nur das eine zu wiederholen: „Hier ist nicht der Ort" 76

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