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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Dostojewski und das Judentum
Date
1925-01-01
Page
75 (sequence 10)
Language
German
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Dostojewski und daa Judentum denn es gibt nur ein einziges Volk auf der Welt, dessen Existenz nicht sinnlos geworden ist, dem die Zukunft gehört, das zur Weltherrschaft und Welterlösung auserkoren ist: das heilige, gott-tragende russische Messiasvolk. Diesen messianischen Grundgedanken Dostojewskis bringt in schärfster und eindringlichster Form sein Held Schatoff in den „Dämonen" zum Ausdruck: „Wenn ein großes Volk nicht daran glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit (eben allein und ausschließlich In ihm) beschlossen sei, wenn es nicht daran glaubt, daß es allein imstande und ausersehen sei, durch seine Wahrheit alle zu neuem Leben zu erwecken und zu erlösen, so hört es sofort auf, ein großes Volk zu sein und verwandelt sich in ethnographisches Material. Ein wahrhaft großes Volk vermag sich nie mit einer zweitklassigen Rolle, ja sogar nicht mit einer erstklassigen zufrieden zu geben, sondern einzig und allein mit der allerersten. Wer dieses Glaubens verlustig geht, kann keinen Anspruch mehr auf Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft erheben". Wie merkwürdig klingen diese Worte für das Ohr des Juden! Wohlbekanntes und längst Verklungenes wird wieder in ihm wach. Ist das anderes als eine freie Übertragung aus dem Althebräischen ins Neurussische? Und wer in diesen Worten den jüdischen Gedanken von der Auserwähltheit und der nationalen Berufung des jüdischen Volkes nicht wiederzuerkennen vermag, lese bei Dostojewski noch die folgenden Zeilen nach: „Jedes Volk ist nur so lange Volk, als es seinen eigenen Gott besitzt und alle anderen Götter in der Welt ohne jedes Kompromiß verwirft, so lange, als es des Glaubens ist, daß es durch seinen Gott alle anderen Götter besiegen und aus der Welt vertreiben werde. Dies war seit alters her der Glaube aller großen Völker, zumindest aller derjenigen, die sich irgendwie hervorgetan, die je an der Spitze der Menschheit gestanden haben. Eine Tatsache kann man nicht bestreiten. Die Juden lebten einzig und allein zu dem Zwecke, um der Offenbarung des wahren Gottes teilhaftig zu werden und den wahren Gott der Welt zu hinterlassen". „Einen Juden ohne Gott kann man sich überhaupt kaum denken", sagt Dostojewski auch in seinem eigenen Namen im „Tagebuch". Nunmehr vermögen wir zu begreifen, woher bei Dostojewski der ungeheuerliche Widerspruch stammt Vom jüdischen Volke, aus dessen gewaltigster Schöpfung, der Bibel, glaubt er seine Hauptidee: seinen Messianismus, seinen Glauben an die Auserwähltheit des russischen Volkes, seine Religion des „russischen Gottes" (wörtliche Wendung in einem Brief an Maikoff) übernommen zu haben, und da stellt sich ihm plötzlich der eingeschüchterte, urkomische Zuchthäusler „Jesaja" in den Weg und un- 75

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