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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Dostojewski und das Judentum
Date
1925-01-01
Page
74 (sequence 9)
Language
German
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A. S. Steinberg Dostojewski selbst zu tun haben, so schwinden nunmehr, nach der Veröffentlichung der Briefe des Dichters an seine Gattin, auch die letzten Bedenken. In dem Briefe vom 10. Juni 1875 aus Bad Ems heißt es: „Ich lese das Buch Hiob und es versetzt mich in krankhafte Verzückung: ich lege das Buch aus der Hand und gehe stundenlang auf und ab, mich kaum der Tränen erwehrend . . . Dieses Buch, Anja — wie sonderbar ist es doch —, war eines der ersten, die mich fürs Leben getroffen haben, ich war damals noch ein zartes Kind!" Ganz so wie die strahlendste der Gestalten Dostojewskis verdankte auch er selbst die Seele seiner Seele, das in ihr lebendig gewordene „Wort Gottes4' diesem Buche: der Thora, den Propheten, den Schriften. Und in diesem Herzen konnte Haß und Verachtung gegen das Volk reifen, das das göttliche Buch in die Welt getragen und um seinetwillen alle Leiden des geschichtlichen Daseins auf sich genommen hat? Man sieht: der „ordinäre" Antisemitismus Dostojewskis hört plötzlich auf, gewöhnlich und einfältig zu sein, er nimmt plötzlich den Charakter undurchsichtiger Seltsamkeit, wenn nicht gar der Perversität an. Der erste Eindruck war also durchaus irreführend, und erst jetzt tritt uns das Problem in seiner ganzen Kompliziertheit entgegen. 5. Um den klaffenden Widerspruch, der in dem Verhältnis Dostojewskis zum Judentum zutage tritt, voll ergründen zu können, erscheint es notwendig, einen Schritt weiter zu tun und die Frage aufzuwerfen: wie stand denn Dostojewski den anderen Weltnationen gegenüber, vom jüdischen Volk abgesehen? Seine dichterischen und publizistischen Werke geben uns in dieser Hinsicht reichlich Aufschluß, vor allem was die führenden Völker des heutigen Europa: Deutsche, Franzosen und Engländer, nicht zu reden von den Russen, betrifft Sehen wir zunächst vom russischen Volke ab, so dürfen wir ruhig sagen, daß die anderen Hauptstützen der modernen Kulturwelt beinahe noch schlechter wegkommen als die Volksgenossen des armen Jesaja. So ist z. B. der Deutsche nach Dostojewski zweifellos gutmütig, rechtschaffen und fleißig, jedoch stumpfsinnig wie ein ungehobelter Holzblock. Dagegen ist der Franzose zwar überaus gescheit und gewandt, dafür aber innerlich hohl, wie ein durchlöcherter Sack; im Gegensatz zu ihm ist der Brite ein aufrechter Mann, auf den man sich durchaus verlassen kann, zugleich aber ein Einfaltspinsel, der von seiner grenzenlosen Borniertheit nicht die leiseste Ahnung hat Was jedoch das schlimmste ist: sie alle sind samt und sonders von der Geschichte zum unabwendbaren Untergang verdammt, über sie alle hat die geschichtliche Vorsehung schon längst den Stab gebrochen, 74

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