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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 63

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Das jüdische Gesetz
Date
1925-01-01
Page
63 (sequence 6)
Language
German
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Das jüdische Gesetz teten. Seine symbolische Bedeutung wird in jedem Segensspruch verkündet, denn jeder beginnt mit dem Dank an Gott, „der uns geheiligt hat durch seine Gebote". Mit der Überzeugung von der Wahrheit dieses Bekenntnisses steht und fällt der jüdische Gehorsam. Das Gebot ist nicht totes Objekt einer von außen befohlenen Werkheiligkeit, sondern der Weg zur Heiligung des Menschen. Die katholische Kirche hat sich dem Judentum genähert, als sie in ihren Sakramenten, bei aller Anerkennung der Differenz, doch ein Seitenstück zu den Mizwoth schuf. Invisibilis gratiae visihile signum ad nostram iustificationem institutum, diese Definition, die der römische Katechismus von den Sakramenten gibt, könnte ebensogut auch von unseren Mizwoth gelten. 3. Das jüdische Gesetz ist keine vereinzelte, isolierte Satzung. Vielmehr entfaltet es sich in einem großen, innerlich belebten Organismus von Pflichten, die vereint dem Leben des Juden seinen besonderen Rhythmus geben. Überall verlegt es den Nachdruck auf das Dauernde, das immer Wiederkehrende, auf die Durchdringung jeden Tages mit der Welt des Göttlichen. Der Weihnachtsabend kommt einmal im Jahre, den Freitagabend aber feiern wir ein halbes hundert Mal. „Meine Mutter hat kurz vor ihrem Tode noch Sabbat gemacht, daß in dem kleinen Zimmer förmlich die Schechinah ruhte", schreibt mir ein Freund, da er den Tod dieser Mutter anzeigt. Die Erfüllung des Gesetzes kann unmittelbar ein Dienst Gottes sein. Die Sicherheit, daß all sein Tun zu Gott hinweist, geht dem jüdischen' Kinde schon früh auf, und ihre Spur verliert sich, einmal erworben, sein Leben lang nicht mehr. Die Nähe Gottes, die durch diese standige Lebensordnung in die jüdische Seele übergegangen ist, verläßt den Menschen, der einmal davon ergriffen war, nie mehr ganz. Institutionen des Judentums, die in voller Kraft nicht mehr geübt werden, wirken trotz der schwächer gewordenen Antriebe mit einer oft imponierenden Kraft. Die alte Vorschrift, den Zehnten des Einkommens den Armen zu geben, wird selten mehr völlig befolgt. Aber noch im Stadium des Schwindens und der Schwäche erzieht sie den Juden so, daß wir auf unser Judentum stolz werden. Auf einer Zahlkarte, die ich kürzlich bekam, stand: „Den beifolgenden Betrag habe ich als Tagegeld für meine Tätigkeit als Geschworener erhalten. Hoffend, daß ich gerecht gerichtet habe, übersende ich ihn Ihnen für Arme". Das war jüdisch empfunden und gehandelt So erschien es auch einem Pfarrer, der den Abschnitt sah. Er hatte eine Spende aus solchem Anlaß noch nicht bekommen, hat dann von der Kanzel herab diesen Juden seinen Gläubigen als Vorbild vor Augen gestellt 63

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