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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 62

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Das jüdische Gesetz
Date
1925-01-01
Page
62 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Max Eschelbacher die Einwirkung auf unser Innerstes gegeben. „Gott wollte Israel läutern, deshalb hat er ihm viele Lehren und Gebote gegeben", sagt ein allbekanntes altjüdisches Wort, das in den täglichen Gottesdienst aufgenommen worden ist. Auch Schmitz erkennt in weitem Umfang diese Wahrheit des Judentums an, wenn er erklärt, kein Kind sei erziehbar ohne das äußere: Du sollst!, kein jugendliches Leben sei denkbar ohne objektive Gestalt und Symbolik. Nur die Einschränkung, die er hier macht, ist unhaltbar. Auch der Erwachsene kann nicht ohne beherrschende Lebensordnung sich selber erziehen, und bis ins höchste Alter ist kein festes und gemeistertes Leben ohne objektive Gestaltung denkbar. Nur geformtes Leben ist des Menschen würdig. Auch abseits von der religiösen Sphäre verspüren wir diese Wahrheit in den Zeiten seelischer Krisen, wenn unsere Grundsätze sich auflösen, die anerzogene Ordnung unseres Lebens verfällt, und wir erschreckt erkennen, daß diese Gesetzlosigkeit selber Zeichen wie Ursache moralischer Erkrankung ist, wenn wir die Wiederkehr zu seelischer, sittlicher und tatsächlicher Gesetzmäßigkeit als das Symptom wiederkehrender Gesundung der Nerven und der Lebensführung begrüßen. Dieser Glaube an Gesetz, an Ordnung, an sittliche Zucht, an den zu Gott führenden Gehorsam ist die Seele des Judentums. An dieser Überzeugung kann die Meinung eines Fernstehenden, daß die äußeren Formen des Gesetzes sinnlos geworden seien, daß sie nicht länger mit Leben erfüllt werden könnten, nichts ändern. Mit innerster Notwendigkeit führt jede Diskussion über jüdisch-religiöse Fragen, gleichgültig, welchen Ausgangspunkt sie auch habe, sofort zu dem Problem des göttlichen Gesetzes, denn dieses bildet das Zentrum des Judentums. Allerdings gibt das kahle Wort „Gesetz" nicht wieder, was das Judentum unter Thora und unter Mizwoth begreift. Das bloße etymologische Verständnis des deutschen Wortes erschließt noch nicht die Triebkräfte, die in jenen hebräischen Worten noch mitwirken. Zu dieser Einsicht gehört das jüdische Kindheitserlebnis, das dem von Schmitz verherrlichten christlichen gegenübersteht. Wir können es oft erleben, welch eine merkwürdige Macht dem unscheinbaren Worte „Mizwah" innewohnt. Wir mögen uns vergeblich bemühen, einen Juden zu einem Opfer zu veranlassen. Er mag tausend Gründe für sein Nein finden. Aber dem Appell, daß er damit eine Mizwah tue, widersteht er selten. Dieses Wort ist wie ein Akkumulator, wie eine Aufspeicherung religiöser Energie. Wir würden einen der stärksten Antriebe für ein höheres, versittlichtes Leben einbüßen und in die Schwäche des natürlichen Menschen zurücksinken, wenn wir auf unseren Glauben an „das Gesetz", in dem die christliche Welt nur eine Art von religiösem Exerzierreglement sieht, verzich- 62

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