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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 61

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Das jüdische Gesetz
Date
1925-01-01
Page
61 (sequence 4)
Language
German
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Da» jüdische Gesetz nicht formuliert. Denn auch das Judentum lehrt überall die Unvollkommenheit des Menschen und die Notwendigkeit der göttlichen Gnade, die uns ohne unser Verdienst zuteil wird. Wenn die christliche Dogmatik ihre Lehre von der Gnade begründen will, muß sie sich auf die hebräische Bibel berufen, etwa auf das Wort des Ezechiel: „Ich nehme das steinerne Herz aus Eurem Leibe und gebe Euch ein lebendiges Herz", Die Nichtigkeit des Menschen und aller seiner Größe wird aber nicht nur in der Bibel ausgesprochen, sondern auch, was für die Wirksamkeit der Idee fast noch wichtiger ist, in unserem taglichen Gebet. Und am Grabe wird zuletzt noch Gottes Gerechtigkeit und Gnade zugleich angerufen. „Gerecht bist Du in allen Deinen Wegen, langmütig und reich an Erbarmen. Gnade, die wir nicht verdient hatten, erweisest Du uns". Der Gedanke der Gnade ist also dem Judentum wohl vertraut, und nicht in ihm kann der letzte Unterschied zwischen Judentum und Christentum bestehen. Vielmehr scheint dafür die Tatsache bezeichnend zu sein, daß das Christentum die religiöse Tat gering schätzt, während das Judentum sie aufs höchste wertet. Der entschiedene Ausdruck des reinen Christentums ist das Wort des Paulus: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen rede und habe der L\ebe nicht, dann bin ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle". Damit ist jener Zustand vorausgesetzt, dessen Verwirklichung Schmitz als die Aufgabe der nächsten tausend Jahre bezeichnet, der aber auch dann noch nicht erreicht sein wird, „den Menschen frei von objektiver Gesetzlichkeit und Symbolik auf die Subjektivstufe zu führen". Die Liebe, von der Paulus spricht, ist unendlich selten. Wer sie hat, braucht allerdings kein Gebot, denn nach dem Worte des Talmud ist die Thora nicht den Engeln gegeben. Was aber soll der arme Mensch beginnen, dem sie nicht durch Gnade zuteil geworden ist? Unbarmherzig fällt Paulus über ihn das Urteil. Er mag beginnen, was er will, mag mit Menschen- und mit Engelszungen reden, er bleibt tönendes Erz und klingende Schelle, er mag alle seine Habe austeilen und seinen Leib hingeben zum Verbrennen, so nützt es ihm nichts. Aber das Judentum ist gütig, barmherzig und voll wahrer Liebe, wenn es die Grundlehre aufstellt, daß in der guten Tat die Rettung und Erlösung liegt. Wie der elektrische Strom in einer benachbarten, an sich toten Leitung elektromotorische Kräfte hervorruft, so erweckt die gute Tat die weitere gute Tat. „Der Lohn der Mizwah ist die Mizwah, und der Lohn der Sünde ist die Sünde. Denn eine Mizwah zieht die Mizwah, und eine Sünde zieht die andere nach sich." Wir sind über unser innerstes Wesen nicht Herr, sondern es ist als Gnade oder Verhängnis uns mitgegeben. Macht haben wir nur über unser Tun und unser Lassen, und mit Tun und Lassen, von außen her, ist uns 61

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