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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 59

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Das jüdische Gesetz
Date
1925-01-01
Page
59 (sequence 2)
Language
German
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Das jüdische Gesetz dem hält sich lieber bei Erscheinungen auf, die mit ihm in keiner' Verbindung stehen, beim Liberalismus, beim Marxismus, beim Bolschewismus. Alle diese Abschweifungen bezeugen lediglich, daß er am Wesen der Frage vorübergeht und es nicht erkennt. Verkennung ist das historisch begreifliche Schicksal des Judentums. Sein Geist offenbart sich scharf und unverkennbar in der alten Bibel, in seinem großen späteren Schrifttum, in den Institutionen seiner Religion und in der Lebensstimmung seiner Glieder, die von Jugend an in seiner Luft erzogen worden sind. Der Widerstand, den das Alte Testament von der Gnosis bis auf Harnack in der christlichen Kirche stets gegefundeo hat, ist ein äußeres Zeugnis für seinen besonderen Charakter und für seine innere Verschiedenheit vom Neuen Testament. Die Menschen, die von diesem jüdischen Geiste völlig durchdrungen sind, die wahren Vertreter des Judentums, haben begreiflicherweise die verständnisvolle Aufmerksamkeit der Welt nur selten erregt. So tief ihre Wirkung im Judentum und mittelbar auch ihr Einfluß auf die Welt gewesen ist, der nicht jüdische Umkreis hat dennoch wenig auf sie geachtet. Ein Samson Raphael Hirsch tritt den großen religiösen Genien des 19. Jahrhunderts würdig an die Seite, aber außerhalb des Judentums ist er nicht viel bekannt geworden. Den jüngst verstorbenen Georg Brandes, den großen Sohn des jüdischen Volkes, der seine Kraft ganz der Weltliteratur gewidmet hat, kennt jeder. Achad Haam kennt nur die jüdische Welt Trotzdem war seine Wirksamkeit tiefer und wird länger andauern. Daher wird das Judentum draußen meist nach Männern beurteilt, die ihm wohl der Abstammung nach angehören, persönlich aber ihm nur mit ihrer Vergangenheit, vielleicht noch mit ihrer Gegenwart, gewiß aber nicht mehr mit ihrer Zukunft verbunden sind. Dazu gehören jene europäischen Größen jüdischen Ursprungs, die Schmitz als die Verkörperung jüdischen Wesens vor uns hinstellt, Disraeli, Marx, Stahl. Keiner von ihnen ist ein Repräsentant des Judentums. Man kann dieses in seiner echten Gestalt an ihnen so wenig erweisen, wie das Deutschtum an den Auslandsdeutschen oder den Genius des deutschen Staatsmannes statt an Bismarck etwa an Karl Schurz. Das Judentum bleibt bei dieser Art der Betrachtung unbekannt. Nur wer an wahrhaft jüdischen Menschen den Segen des Sabbat, den Frieden des Versöhnungstages, die Freude des „Lernens" gesehen hat, ist spruchbefugt. Nur wer weiß, in welcher Gestalt solche Juden die Thora auf die Gegenwart und ihr persönliches Leben anwenden, wie sie die Geburt eines Kindes mit dem Segen begrüßen, daß Gott den Kleinen heranwachsen lasse, damit er Thora lerne, heirate und Gutes tue, in welcher Stimmung sie dem eigenen Tode oder dem eines Nahen entgegensehen, (wie sie im Glück sich dankbar dafür 59

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