Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Das jüdische Gesetz
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 58 (sequence 1)
- Language
- German
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MAX ESCHELBACHER Sag fuftifge «efetj z. „Wer das wirkliche Evangelium der westlichen Menschheit verkennt, ob Jude oder Arier, wird sich immer aufgeregt auf neue soziale oder sonstige, etwa Kunsttheorien, stürzen und sie zu Evangelien, d. h. himmlischen Botschaften stempeln, wodurch alle in ihrer Relativität berechtigten, ja erwünschten Lebenserscheinungen sofort fanatisch verzerrt und im Keim vergiftet werden. Das ist die Ursache des heutigen Kampfes Aller gegen Alle im Namen von Theorien oder Programmen, denen wohl lebendige Regungen zugrunde liegen, die sich aber unter dem Gestrüpp von dialektischen Lehrsätzen in Gift zersetzen." Mit diesen Worten hält Oskar A. H. Schmitz ahnungslos Gericht über das Urteil, das er selber in seinen Aufsätzen „Erwünschte und unerwünschte Juden" und „Der jüdisch-christliche Komplex" in diesen Blättern über eine lebendige geistige und menschliche Wirklichkeit, über das Judentum, gefällt hat. Mit der Terminologie und den Denkformen einer Theorie, einer Spielart der Psychoanalyse, zeichnet er eine Karikatur der jüdischen Seele, verzerrt er das Judentum, das er nicht kennt, und verdammt es zum Tode. So ist seine Methode, vom Anfang an bis zu dem grotesken Weg zum „christlichen Erlebnis", den er dem Juden zeigen will. „Man kann den persönlichen Widerstand gegen die Gnade auflösen, ja, dies kann man sogar, da er vorwiegend im Unbewußten liegt, mit intellektuell-analytischen Methoden tun, wie sie jüdische Psychologen entdeckt haben." Wenige Zeilen vorher hatte er zustimmend das Witzwort zitiert, aus dem Antisemitismus könne nicht eher etwas werden, bis ihn einmal ein gescheiter Jude in die Hand nehme. Vom Weg zum Christentum scheint er das gleiche zu denken. Man fragt sich unwillkürlich, ob er denn das Christentum verhöhnen will, das er mit dieser Degradation zu einer psychoanalytischen Technik entschieden noch mehr herabzieht, als das Judentum, und möchte ihn um Auskunft bitteny welchen Weg zur „Gnade" denn unsere zu früh geborenen Väter und Großväter hätten gehen sollen, zu deren Zeiten die verdienstvollen jüdischen Psychologen diese intellektuell-analytischen Methoden noch nicht entdeckt hatten. Das Judentum erscheint in den beiden Aufsätzen in der Tat „verzerrt und im Keim vergiftet". Schmitz hat sich nicht die Mühe gegeben, es kennenzulernen, er sucht nicht die echten Vertreter, nach denen allein es beurteilt werden darf, und er bleibt seinem inneren Leben fremd. In Wirklichkeit spricht er auch kaum von ihm, son- 58