Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Der jüdische Erlösungsgedanke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 56 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger ist ja jede Existenz nur Leidensfolge der Koexistenz und es kennt eigentlich kein Leid der Koexistenz, das nicht selbst Schuldgefühl wäre oder von einem Schuldgefühl durchsetzt wäre. Gerade umgekehrt ist der Erlösungsweg Buddhas. Er streicht seinen Anteil aus dem Sein mit anderen. In wahrhaft heiligem Egoismus bricht er alle Bindungen der Liebe und des Hasses mit den Menschen. Im Leid der Existenz schwerlos werden, ist das geheime Wissen Buddhas und die Offenbarung seines Lächelns. Erst in solcher Gegenüberstellung wird der Erlösungsgedanke des Judentums voll umgrenzbar. Es hat die beiden Leidensformen der Existenz und der Koexistenz nicht verwischt, Schuld und Unvollkommenheit nicht vertauscht. Dabei ist der Begriff der Schuld in seiner furchtbaren Weite erkannt worden. Das Lehrbeispiel Hiobs meint ja, daß das Leiden des einzelnen nicht das Korrelat einer personlichen Schuld sein müsse, sondern daß die Verstricktheit im Leben durch die Schuld anderer auch dem Gerechtesten Leiden schaffe. Schuld ist immer mit Bewußtheit des Handelns (wenn auch nicht mit der Erkenntnis der Wirkung) verbunden. Darum ist die Umkehr (Teschubah) von einem schuldlosen Leben jedem möglich, weil sich der Prozeß der Menschheit im Bewußtsein vollzieht und das Bewußtsein falsch gerichtet sein kann, nicht aber der Mensch schiecht ist Darum gibt es auch, nicht erst aus praktischen Erwägungen, sondern aus religiöser Grundeinstellung, eine Verantwortung den Mitseienden gegenüber und mit der Vertiefung des Bewußtseins wächst die Furcht vor der Schuld. Der Erlösungsweg aus dem Leid der Koexistenz, soweit es ein Leiden aus Schuld und Mitschuld ist, kann also im jüdischen Sinn nur dieser sein: Verminderung des Leides durch die Art unseres Lebens. Hier, in dieser Welt haben wir zu wirken, nicht bloß als Mitseiende eines Augenblickes, sondern als Schulderben einer Vergangenheit und als Mitbestimmer einer Zukunft. Es ist unserem Bewußtsein als ein kleines Stück Freiheit anheimgegeben, eine Gemeinschaft zu bilden, in der die Schuld am Leid der Koexistenz sich immerzu verringert Das jüdische Volk sollte eine erste Zeile sein, in der eine solche heilige Gemeinschaft vorbildlich ersteht Darum der peinliche Ausbau seines Gesetzes, das nicht — wie so oft gesagt wird — das Kontraktverhältnis zwischen Menschen und Gott endgültig und beruhigend löst, sondern nur das Bewußtsein in jedem Augenblick schärft, für ein leidloseres Leben verantwortlich zu bleiben. Es ist bezeichnend, daß der Versöhnungstag nicht die Schuld aufhebt, die zwischen Mensch und Mensch sich ereignet, sondern nur die „Schuld" des Menschen als einer Existenz vor Gott 56