Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Der jüdische Erlösungsgedanke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 55 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110687--8164-3110762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Erlösungsgedanke sieht einer Verteidigung oder eines Wettbewerbes, seine allmenschliche Erlösungsidee nicht in die sichtbare Mitte des religiösen Erbes rückte und vielfach eine politische Erlösung — denn die Wundmaie des Körpers brannten zu sehr — mit der religiösen vermengte. Darum läßt sich nicht einfach auf eine historisch gewordene Verkündigung verweisen, sondern nur aus dem Urbedürfnis des Menschen nach Erlösung kann die geheime Zeugenschaft des jüdischen Erbgutes gesucht und angerufen werden. Erlösung ist immer nur Erlösung vom Leide. Soweit wir aber auch das menschliche Leid kennen, entspringt es zwei deutlich scheidbaren Quellen, die freilich auf der Oberfläche unseres Bewußtseins oft ineinander verfließen. Daß ich, ein sich selbst erlebendes Pünktlein von Gefühl und Bewegung, einem Körper eingeleibt bin, von dessen Rhythmus und Begrenzung ich rücksichtslos abhänge; daß ich nicht nur die Gebresten dieses Körpers schmerzhaft trage, sondern das Bewußtsein nicht loswerde, in allem Denken und Wollen, so selbstzufrieden es in mir auftauchen mag, an Endliches, rätselhaft Bestimmtes gebunden zu sein: das ist ein Leid, das auch der verlassenste Robinson empfinden müßte, weil es in der bloßen Tatsache der Existenz beschlossen ist, und das ich darum das Leid der Existenz nennen möchte. Aber niemand ist nur einsam. Wir alle sind in das große Gewebe bestehender und gewesener Existenzen mit verstrickt Daß mich fremde Wesen mitbestimmen, für die ich selbst ein unbekanntes bestimmendes Wesen sein kann; daß die teuersten Menschen so leidend und vergänglich sind wie ich, erfüllt mich mit einem Leid, das aus dem Schicksal des Mitmenschentums stammt, mit dem Leid der Koexistenz. Die bedeutsamste Form des Leidens der Koexistenz ist das Schuldgefühl Ich habe schuldigen Anteil an dem allgemeinen Leid, weil ich wollend oder nicht wollend ein mitbestimmender Teil der Allgemeinheit bin. Soweit es sich aber um das Leid meiner Existenz und um das Mitleid mit der bloßen Existenz eines Menschen handelt, kann ich nicht von einem Schuldgefühl sprechen, sondern nur von einem leidvollen Gefühl der Unvollkommenheit Der paulinische Gedanke der Kongruenz, den ich früher kennzeichnete, zwang das Christentum, Unvollkommenheit als Schuld zu betrachten. Denn Gott erlöst, weil er durch sein Leiden alle Schuld auf sich genommen hat; es gibt also keine Erlösung, die nicht Erlösung von Schuld wäre. Wenn aber jemand darunter leidet, daß er kein Malertalent hat, ist diese Unvollkommenheit seine oder irgend jemandes Schuld? Das Christentum muß antworten: sie ist, vielleicht erst im letzten Grunde, die Schuld Adams. Für das Christentum 55