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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 57

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Der jüdische Erlösungsgedanke
Date
1925-01-01
Page
57 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Der jüdische Erlösungsgedanke Die Sühne dieses Tages gehört einer andern Kategorie an als der menschlichen Koexistenz. Dort aber, wo das Leid der Koexistenz nicht einer Schuld, sondern einer Unvollkommenheit entspringt und so auch in allem Leid der Existenz, bleibt nur eine Hoffnung: auf den einheitlichen Sinn der Welt, auf Gott Hier gibt es keine Selbsterlösung durch den Menschen, sondern nur eine Beruhigung des Leidgefühles kraft des Bewußtseins. Es ist wohl mit einem Wort zu sagen, was das Judentum meint, und also in der Tat ein Erlösungs g e d a n k e. Aber es bleibt unerschöpflich in den Formen, in denen es sich ereignet und wie jeder wirkliche Lebensprozeß nicht zu erzwingen und doch zu wollen : Auf den einheitlichen Sinn der Welt gerichtet sein: die Kawwana. Wenn der Hohepriester am Versöhnungstag die Sprengungen im Allerheiligsten vornahm, dann war diese höchste religiöse Handlung, die das alte Judentum kannte, vergeblich, sobald seine Gedanken nicht ausschließlich und mit gespannter Bewußtheit auf den Dienst Gottes gerichtet waren. Kein einziges der scheinbar nur juristischen Gesetze des jüdisch-religiösen Lebens hat Geltung (wird „angerechnet", wie die alten Lehrer sagten), wenn es nicht getragen ist^von jener Gerichtetheit auf Gott, jenem „Anhangen", für das Maß und Regel unzulänglich bleiben. Die religiösen Bewegungen im Judentum waren seit je Revolutionen der Kawwana. Deutlich waltet in der Lehre Spinozas, der den göttlichen Sinn der Welt so vernünftig zu erkennen meinte, daß er die Welt durch diesen Sinn vergöttlichte, der jüdische Erlösungsgedanke. Spinoza mißtraut diesem Sinn nicht, wie der indische Pantheist Das Böse ißt nur eine unklare Richtung des Denkens, die wahre, leiderlösende ist die Liebe auf Gott zu. Der Gedanke der Kawwana sammelt aber auch ein versöhnendes Licht auf das Leid, das aus der Schuld der Koexistenz herrührt Jede Schuld hat irgendeine Wurzel auch in der Unvollkommenheit „Es handelt niemand schuldvoll, den nicht ein unvernünftiger Geist befallen hat", lautet ein altes Wort Wir können das Leid der Koexistenz vermindern, aber wir können es nicht aufheben. Wenn es aber einmal bis auf die unbehebbaren Reste vermindert sein wird, dann ist die Zeit des Messias da, der alles Leid der Existenz und der unvollkommenen Koexistenz von uns nehmen wird. Dieses Ende der Tage bedarf unser in jedem Augenblick Wir sind die Mittler des Messias. 57

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