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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Der jüdische Erlösungsgedanke
Date
1925-01-01
Page
54 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Friedrich Thieberger der Antike wurde sie aus jüdischem Weltsehen heraus faßbar. Erat mußte der einheitliche Weltsinn entdeckt sein, ehe man aus der Ratlosigkeit des Lebens an ihm verzweifeln konnte. Jona, Hiob, der 73. Psalm haben uns Dokumente solchen menschlichen Verzweiflungskampfes mit dem Sinn der Welt bewahrt. Sie deuteten aber eine Lösung an und verschütteten leicht ihre tragische Voraussetzung. Es ist von unermeßlicher Bedeutung, daß das Judentum gerade zur Zeit des Paulus ihm keine Antwort auf seine erneuerte allmenschliche Frage zu geben schien. Vielleicht liegt es daran, daß ihm das eine Leben Jesu gleichzeitig Beispiel des menschlichen Lebens und Sinnbild des Gott- Messias war. Die Wucht dieser dreifachen Kongruenz: Jedermann — Jesus — Gott, sucht ihresgleichen. Jeder Mensch steht einmal auf Golgatha, in trostloser Vereinsamung, mit dem Schuldgefühl des Sündenlosen, der für das Leid in der Welt sich verantwortlich fühlt und der mit ausgebreiteten blutigen Händen die Last des Menschseins dem Unendlichen entgegenhält; wer aber kann die unendliche Schuld auf sich nehmen und sühnen? Nur der Unendliche. Der Adam auf Golgatha ist der aus Liebe leidende Gott. Alle edlen christlichen Bekehrungsversuche wollen den paulinischen Gedanken von der tragischen Urstellung des Menschen im Ungläubigen erregen und ihn durch die Kongruenz von Beispiel und Sinnbild überzeugen. Dann werden die dogmatischen Polgedanken von der Erbsünde und von der Gnade an das tragische Erlebnis und die Sehnsucht nach Erlösung geknüpft. Es kann nicht genug scharf hervorgehoben werden, daß die Frage des Paulus dem Judentum ganz angehört, daß aber seine Antwort, das ist sein Erlösungsgedanke, nicht über das Judentum hinaus, sondern von ihm wegführt: er hat Gott vermenschlicht. Nicht der Gegensatz zwischen Gesetz und Christus, sondern zwischen einem unendlichen und einem endlichen Gott scheidet Paulus vom Judentum. Selbst der erlöste Gott kämpft noch gegen den Herrn des Bösen um die Weltherrschaft Übrigens ist der allgemein menschliche Erlösungsgedanke des Judentums niemals das Gesetz gewesen. Denn dieses wendet sich in seiner Fülle ausdrücklich nicht an die Völker der Welt, wiewohl das Judentum selbst die Menschheit im Auge hat Das Gesetz ist eine innere Angelegenheit der israelitischen Gemeinschaft Mit ihrem Leben entfaltet es sich, wandelt es sich, wie z. B. durch das Aufhören des Opferdienstes. Das Gesetz spiegelt den jüdischen Erlösungsgedanken, aber es ist ihm nicht gleich. Es ist begreiflich, daß das Judentum, scheu vor der unerbittlichen Übermacht der paulinischen Erlösungsbekenner und ohne die Ab- 54

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