Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Der jüdische Erlösungsgedanke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 53 (sequence 3)
- Language
- German
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Der jüdische Erlösungsgedanke res und des Dinges), ja in höchster mystischer Dialektik zum Erlöser Gottes gemacht Während heim Christentum des Paulus aus der Verderbtheit des Wollenden die Idee des helfenden Mittlers aufsteigt, führt den Chassidismus die Unzulänglichkeit des Willens zur Idee des vermittelnden Zaddiks. Als der rationalistische Damm der Aufklärung von der romantischen Welle durchbrochen wurde, schien es vielen Juden, daß der Irrationalismus des Christentums sie hemmungsloser dem Weltgeheimnis entgegen trage als das — wie sie es verstanden — rationalistisch gebundene Judentum. Das Leiden für die Schuld aller, das Liebesopfer für die Erlösung aller war das Grundmotiv des Lebens. Sein Symbol wurde Jesus. Niemals waren soviel Juden aus einem Gegensatz zum Judentum dem Christentum nahe; aber das Judentum selbst suchte mit dem Christentum nur ästhetisch konkurrenzfähig zu werden. Nach dem Verebben des romantischen Lebensgefühls durchzog ein ausgeruhter Rationalismus Europas Politik und Kunst. Alles religiöse Interesse betraf nur die sittlichen Lehrsätze der Religionen, also ihre historischen Ablagerungen. Der eigentliche religiöse Strom schien endgültig auszutrocknen. Da brachen neue Quellen auf. Dostojewski und Strindberg rissen den Menschen in seinen dramatischen Mittelpunktsgedanken zurück, in das paulinische Schuldbewußtsein der Existenz. Unübersehbar ist unser Tun in alles Bestehende verstrickt. Hielten wir uns noch so rein, wir würden schuldlos schuldig, wir verfluchten Liebhaber des Guten. Mehr als die theoretische Enttäuschung des Materialismus rüttelt die Kunst auf. Das Erbe der alten Religionen wird leidenschaftlich wieder entdeckt und abermals zeigt sich die Hinneigung der jüdischen Jugend zu einer Religiosität, die als christlich gedeutet werden könnte. Denn es ist nicht gleichgültig, von wem man das Leben zu schauen lernt. Paulus hatte die Geschichte Jesu zum restlosen Symbol jedes tragischen Menschseins umgeschmolzen und darum spürt etwas vom Feuer des Paulus jeder, der, von den paulinischen Symbolen berührt, zur versengenden Alltragik hinzublicken beginnt. Das Leiden für die Unlenkbarkeit des eingeborenen Triebes, den die Erkenntnis des guten Wollens vergeblich umkreist; die Qual der Schuld am fremden Leid, das jedes Menschen Tun und Nichttun irgendeinmal bewirkt; die Sehnsucht in solchem Leid, die Hilflosigkeit in solcher Schuld: das ist die wahre menschliche Situation. Niemanden hat ihre latente Tragik mehr erschüttert als Paulus und niemand hat die Frage qualvoller in sich aufbrechen gefühlt: Wie kann man in solcher Situation bestehen? Die Frage gehört nicht einer besonderen Religion an. Aber unerhört im ganzen Umkreis 53