Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Der jüdische Erlösungsgedanke
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 52 (sequence 2)
- Language
- German
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Friedrich Thieberger tum wichtig, daß eine unaxiomatische Gesinnung die Diskussion freigebe. Das Judentum ist freilich solcher Diskussion kaum erst gewachsen. Martin Buber hat auf menschliche Fragen, wie sie das Christentum seit Paulus erörtert, zum erstenmal eine jüdische Antwort gegeben. Alle Versuche vor Buber kamen aus dem theologischen Kreise nicht heraus. Max B r o d und Felix W e 11 s c h haben dann das Christentum scharf mit dem Judentum konfrontiert und daraus neue Einblicke in das jüdische Sein gewonnen. Auch die folgenden Gedanken, deren einen wesentlichen Max Brod in „Heidentum, Christentum, Judentum*4 bei der Grundeinstellung seines Buches nach mündlichen Gesprächen zitiert, wollen nur ein Beitrag zur inner jüdischen Erkenntnis sein. # » * Es ist bemerkenswert, daß in entscheidenden Epochen der jüdischen Geschichte die Nähe christlicher Gedanken spürbar wird. Wenn hundert Jahre nach Jesus, als allenthalben die christlichen Zellgemeinden erstarkten, sich vor dem Messias Bar Kochba ein Rabbi Akiba neigte, so trieb er mit dem Gedanken und Namen des Erlösers kein politisches Spiel. Aber die Großen der früheren Zeit hätten das Kommen des Königs Messias niemals in ihre Tage vorverlegt Auf den wunderbaren Einbruch des Unendlichen ins Endliche hoffte man wie auf ein fernstes Leuchten am Horizonte. Erst in Akibas Jahrhundert muß der Erlösergedanke der Propheten wieder in die Mitte der jüdischen Sehnsucht gerückt sein. Unmöglich, daß sein ganzer Inhalt bloß die politische Befreiung des Landes gewesen wäre! Vielmehr wirkte dieselbe religiöse Ergriffenheit vom Weltleid, die das Christentum voraussetzt, auch hier. Anders aber als in der palästinensischen Zeit wurde unter dem Einfluß der Kabbala die Vorstellung vom Messias geradezu in die göttliche Sphäre hineingezogen. Aus den Wirbeln der mystischen Erregung im XVI., XVII. und XVIII. Jahrhundert um Lurja, Sabbataj Zewi, Jakob Frank steigt immer wieder das Bild von einem durch Leiden erlösenden Gottessohn. Und es war gewiß nicht einfach Heuchelei, daß die Frankisten sich Wand an Wand mit dem Christentum fühlten. Freilich hat erst der Chassidismus den politischen Messias ganz überwunden. Inbrünstig wurde die große Achse des religiösen Lebens wieder ergriffen, um die allein Paulus das Christentum sich bewegen ließ: die Not der einzelnen Seele und ihr Erlösungsdrang. Nur hat der Chassidismus in unüberbrückbarer Weite vom Christentum den seelischen Messias gewissermaßen auf alle Menschen aufgeteilt und so die Menschheit selbst zum Erlöser der Welt (auch des Tie- 5a