Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christentum und Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 47 (sequence 7)
- Language
- German
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Christentum und Judentum dischem Kultus einrichtete. Er hat einmal in einem Appell an die Judenheit gesagt: „Ich bin nach Palästina gereist, um meinem Volke einen Ruheplatz zu suchen, und auf dem ölberg fand ich Jesus, unseren Adon hagadol: da kannst, da wirst du ruhen, mein Israel". Wenn die Judenheit dort den Messias findet, kann es nur Jesus sein. Das Warten auf einen neuen Weltmessias ist unter allen Umständen ein Mißverständnis. Schmitz hat in seinem Aufsatz in dem letzten Heft recht, wenn er sagt: „Über Christus hinaus gibt es keinen Heiland-Messias". Die Christen haben ihn. Die Juden erwarten ihn. Aber er ist längst da. Seit Christus kam, bedürfen wir weder neuer Propheten, noch neuer Messiasse. Doch wenden wir uns nun dem jüdisch-christlichen Problem der Gegenwart zu. Ein religiöser Judenstaat in Palästina würde ja von selbst alle Schwierigkeiten, die sich im Zusammenleben im Abendlande herausgebildet haben, beseitigen. Aber selbst im allergünstigsten Falle würde doch die ganze große Reformjudenschaft des Abendlandes nicht mittun. Und gerade mit ihren Kreisen sind ja die schwersten politischen und wirtschaftlichen Probleme verknüpft. Ich sagte schon vorhin, daß die Assimilierung religiös auch die Judenheit schwer geschädigt hat. Man reformierte die Gottesdienste der Synagoge nach christlichem Vorbild, d. h. im Sinne des damals in Europa herrschenden Rationalismus, der übrigens inzwischen innerhalb der abendländischen Christenheit längst überwunden ist. Und in der Zeit nach Kant verfiel dieser Teil der Judenheit dem zersetzenden abendländischen Intellektualismus mitsamt seinen Folgen bis in Materialismus und Atheismus hinein. Gewisse Sitten und Bräuche, sofern sie nicht allzu unbequem waren, vor allem die Beschneidung und die Thora-Verehrung, behielt man in Pietät gegen die Voreltern bei, aber innerlich war man dem Glauben der Väter entfremdet um dafür — nichts einzutauschen. Meines Erachtens müßte die Reformjudenschaft, die außerhalb der Synagoge stehend, ganz heimatlos geworden ist, Missionsgebiet für die gläubige Judenheit sein, ebenso wie die vom Glauben abgefallene Christenheit Missionsgebiet der christlichen Kirche ist. Ich komme nun zu der Grundfrage, die den Herausgeber zum Plan dieses Sonderheftes der Zeitschrift „Der Jude" veranlaßt hat: Ist eine fruchtbringende Auseinandersetzung zwischen christlicher und jüdischer Religion denkbar und wie würde sie sich zu gestalten haben? Ganz skeptisch verhält sich dazu in den Bemerkungen des vorliegenden Heftes Christoph Schrempf. Er sagt: Die Frage hat keinen Sinn, solange Streit darüber ist, was wahres Christentum ist und was wahres Judentum ist. Er selber begnügt sich damit, aus dem Alten Testament und aus dem Neuen Testament zu lernen, was ihm *7