Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christentum und Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 46 (sequence 6)
- Language
- German
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Alfred Jeremias fenden Spalte der Volkszählungsliste. Als dann der Zionismus Herzl's den jüdischen nationalen Gedanken von neuem weckte, geschah das innerlich ganz Unmögliche: Man propagierte einen religionslosen jüdischen Nationalismus mit der Forderung einer nationalen Heimat in Palästina. Ich halte Her2jJ für einen viel zu bedeutenden Mann, als daß ich glauben könnte, daß das Areligiöse seiner Bewegung etwas anderes als Taktik war. Er glaubte wohl in seinem innersten Herzen: die religiöse Erweckung bringt Palästinas Erdgeruch dann von selbst. Ich kann mir an sich nichts Kongenialeres denken für das jüdische Geistesleben als den Zionismus. Aber religionslos ist er ein Widersinn. Das hat die neue Bewegung wohl erkannt. Palästina wird allezeit die Heimat der Judenheit bleiben. Heimweh weckende Heimat ist das Stück Erde, mit dem unsere Kindheit verwurzelt ist. Das gilt für den einzelnen wie für das Volk, für den Leib wie für den Geist. Auf dem jüdischen Teil des Glasgower Friedhofs steht in englischer Sprache das ergreifende Wort: „Jedes Volk hat eine Heimat, die Juden haben nur Gräber* \ Auch wenn man vielleicht nie dazu kommen wird, sagen zu können: Palästina gehört den Juden, so wird es doch immer dabei bleiben: die Juden gehören zu Palästina. Das Heimweh nach dem Lande hat sich übrigens auf die Christenheit übertragen. Mancher spart sein Leben lang, um einmal dahin zu kommen, wo die Welt den Geistestau vom Himmel bekam. „Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen*'. Da ich ganz offen sprechen darf, möchte ich übrigens meine Zweifel an der nationalen Verwirklichung eines umfassenden jüdischen Staates in Jerusalem aussprechen. Es fehlen mancherlei natürliche Voraussetzungen für eine volle Einwurzelung in dem Lande. Sodann wird die große Weltpolitik, bei der „nur der Betrachtende Gewissen hat, der Handelnde nicht", immer die Völker Palästinas in selbstsüchtigem Interesse gegeneinander ausspielen und die Juden doch nie zur Ruhe kommen lassen. Ich glaube auch, daß »die religiöse Bedeutung des Landbesitzes überschätzt wird. Kein Prophet des alten Israel hat meines Wissens eine Segenszukunft der Judenheit vom geographischen Besitz des Landes abhängig gemacht. Ohne die Konsequenz der Forderung ist ein gemäßigter Zionismus unter der Judenheit übrigens sehr alt. Disraeli, dem als nationalem Engländer England sein Staatswesen verdankt, betonte bis zu seinem Lebensende seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und er hatte immer gewisse zionistische Neigungen. Es hat auch einmal von jüdischer Seite aus im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ein Versuch bestanden, in Palästina einen christusgläubigen Judenstaat zu bilden. Der Plan ging von dem Advokaten Josef Rabinowitsch in Kischinew aus, der einen christlichen Synagogen-Gottesdienst in hebräischer Sprache und mit jü- 46