Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christentum und Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 45 (sequence 5)
- Language
- German
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Christentum und Judentum ist, wie im agrarischen Ungarn. Gegen das damit verbundene scharfe „Gelddenken44, das von Jugend auf gepflegt wird, haben schon Moses und die Propheten geeifert. Das „Gelddenken*' hat bei den Juden geradezu einen religiösen, man möchte fast sagen messianischen Beigeschmack. Im Mittelalter und bis in die vorkantische Zeit kam im Abendlande kein Jude zu Ansehen und Reichtum, der nicht durch Thorafrömmigkeit sich auszeichnete. Die „Christenheit" hat übrigens den jüdischen Finanzgeist selber gehegt und gepflegt, nicht nur durch Ausschaltung der Juden von anderen Berufen. Die Fürsten wußten, warum. Und man traut seinen Augen nicht, wenn man liest, daß das Lateran-Konzil von 1215 den Juden das Zinsnehmen gestattete, während es den Christen verboten wurde. Und die Begründung des kirchlichen Verbotes wurde im Konzilbeschluß dem Alten Testament entnommen! Im großen und ganzen hat man aus dieser Zeit des gehässigen Kampfes den Eindruck: Christenheit und Judenheit hatten sich gegenseitig nicht viel vorzuwerfen. Die Zeit der Aufklärung brachte die .Assimilierung der Juden an ihre Wirtsvölker. Vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, hat sie dem Christentum ebenso geschadet wie dem Judentum. Wenn damals durch eine geistgewirkte Reformation im Innern der Judenheit das Judentum christgläubig geworden wäre, so hätte es der abendländischen Kirche vielleicht einen unermeßlich hohen Dienst leisten können. Es hätte die europäische Christenheit aus dem öden Rationalismus wecken und mit seiner Gabe zur Propaganda neuen Missionsgeist schaffen können. Aber das Umgekehrte war eingetreten. Die europäische Judenheit, sofern sie nicht in Polen und Rußland fest in sich abgeschlossen blieb, nahm die religiöse Verwässerung des Abendlandes auf und verdarb damit die eigene Religion. Ich will es nur an einem Beispiel zeigen, am Wandel des Begriffes „jüdische Nation". Echtes Judentum muß morgenländisch sein. Und im morgenländischen Geist ist Volk und Religion, Nation und Religion eins. Die Zweiweltenlehre, die der Religion neben dem übrigen Kulturleben ein Sondergebiet zuweist, ist abendländische Erfindung. Wenn auf dem großen jüdischen Krankenhaus Rothschilds in Wien steht: „Der Stadt Wien gewidmet von der jüdischen Nation", so bedeutete damals Nation zugleich religiöse Gemeinschaft. Nach der Emanzipation sagte man nicht mehr jüdische Nation, sondern „jüdische (mosaische) Konfession". Das klingt religiöser, ist es aber durchaus nicht. Es ist eine abendländische christliche Nachahmung gewesen, die die ganz unjüdische, aber abendländische und wenig wertvolle Voraussetzung hat: Der Mensch hat ein Privatleben und daneben ein religiöses Leben, das letztere vielleicht nur noch auf dem Papier in der betref- 45