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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 44

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Christentum und Judentum
Date
1925-01-01
Page
44 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Alfred Jeremias ist, daß auf deutschem Boden im frühen Mittelalter sich stadtische Judenansiedlungen bildeten, ehe es deutsche Städte gab. Das „Ghetto" ist von Haus aus die uralte jüdische Stadtform. Zwangsquartier ist das Ghetto erst viel später geworden unter dem Einfluß des Hasses der Wirtsvölker. An der Abschließung waren übrigens auch dann noch die Juden religiös selbst interessiert. Im Morgenlande ist die jüdische Ghetto-Bildung übrigens eine Verwaltungsnotwendigkeit in gleicher Weise wie Araberviertel, Europäerviertel usw.; denn das Morgenland, für das — wie auch für jeden echten Juden — Volk und Religion eins ist, regiert und ordnet die Verwaltung nach Religionsquartieren. Wie sich die Germanen in ihren ersten Anfängen zu den Juden gestellt haben, wissen wir nicht. Spengler wird wohl recht haben, wenn er sagt, daß der „Mangel an Gleichzeitigkeit*' sehr unglücklich wirken mußte. Die jugendfrischen Germanen verstanden das mandarinenhaft gewordene Rabbinertum nicht mit seiner mehr als scharfen Intelligenz, und umgekehrt verstanden die Juden das um Burg und Dom sich scharende junge germanische Volk nicht. Der Heliand, die gewaltige Evangeliendichtung des Fuldaer Sehers zur Zeit Ludwigs des Frommen (9. Jahrh.), der zeigt, wie das Christentum in germanisches Blut überging, benutzte die Evangelienharmonie des Tatian, ließ aber fast alle Szenen aus, die spezifisch jüdisches Leben betreffen. Keines der Streitgespräche zwischen Jesus und den Juden wird behandelt. Aber der Heliand sieht in den Israeliten ein Reckenvolk, aus dessen Mitte nach Gottes Ratschluß der das goldene Weltalter bringende Heiland kam, und er sieht im jerusalemischen Judentum ein Reich von „Neidharten'\ gegen das Jesus von der „Nordburg Galiläa" aus in den Krieg zog, seinen Sieg durch den Tod hindurch gewinnend. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Abneigung gegen die Juden auf germanischem Boden sich hier bereits leise angekündigt hat. In der gotischen Zeit hat dann der gegenseitige Religionshaß brutale Formen angenommen. Die Juden haßten die Tochterreligion und die Christen warfen den Juden vor: Ihr habt den Heiland gekreuzigt! Dazu kam der Verdacht schwarzer Magie, denn die Ärzte waren meist Juden und die Medizin war kabbalistisch. Die fehlende Liebe ersetzte unter Umständen eine gewisse Sentimentalität. Die Sage vom ewigen Juden kam damals auf. Aber auch hier ist die letzte Pointe Religionshaß: Der Schuster Ahasver hat Jesus beim Kreuzesgang von seiner Türe verwiesen. Weiter schürte den Haß die Reichtumsanhäufung der Juden. Sie waren vom Handwerk ausgeschlossen und auf den Handel gewiesen, auf den Teil des Wirtschaftslebens, für den die Judenheit von jeher besondere Begabung gezeigt hat. Bis heute beherrschen die Juden den Handel besonders da, wo das Wirtsvolk auf diesem Gebiete schwach 44

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