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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 43

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Christentum und Judentum
Date
1925-01-01
Page
43 (sequence 3)
Language
German
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Christentum und Judentum seiner jüdischen Abstammung willen übergegriffen. Wie den alten Gnostikern Jehova, so galt den Manichäern der geschichtliche Jesus (im Gegensatz zu einem präexistierenden Jesus patibilis") als Teufelsprophet, weil er von den Juden stammte. Die Christen waren damit also in der Millionenkirche der Manichäer in gleicher Verdammnis wie die Juden. Augustin, der letzte große orientalische Theologe des christlichen Abendlandes, war durch diesen Manichäismus hindurchgegangen. Auf ihn ist es zurückzuführen, daß in den christlichen Synoden von Hippo Rhegius und Karthago das gesamte Alte Testament, so wie es die Juden kanonisiert haben, in die christliche Bibel aufgenommen worden ist, und zwar unter der Losung: Novum Testamentum in vetere latet, Vetus Testamentum in novo patet, d. h. „Das Neue Testament ist im Alten verborgen, das Alte Testament ist im Neuen erfüllt4'. Die Judenheit kann stolz darauf sein, daß nicht nur die großen Gestalten des Neuen Testamentes aus ihrer Mitte stammen, sondern daß die gesamte Christenheit auf Erden neben den Propheten die gesamte Thora als Bibelteil anerkennt, und daß der Psalter, das Gesangbuch der alten Synagoge, auch das Gesangbuch der Christenheit ist. Solange es eine Christenheit im Sinne des vollen Evangeliums auf Erden geben wird, wird man daran festhalten. Man wird es tun trotz des schweren Bedenkens, das daraus entspringt, daß in den Kanon des Alten Testaments seit Esra ein zweiter Mosaismus eingedrungen ist, unter dessen Vorherrschaft nach der Rückkehr aus der Verbannung der Strom der prophetischen Heilandserwartung fast ganz erstickt ist. Und man muß es tun, weil eine Entwirrung unmöglich ist und weil .erfahrungsgemäß die ganze Bibel Alten Testaments, so wie sie ist, erfahrungsgemäß eine Geistwirkung hat, die Gotteskinder schafft. Wenn man sich kühn vorstellen wollte, daß die Judenheit als Volk einmal mit einem Schlage christusgläubig würde, etwa wie es einst die Germanen wurden, ohne ihr Germanentum preiszugeben, so »müßte der gemeinsame Besitz des aus der Judenheit stammenden Alten Testamentes ein mächtiger Förderer der Versöhnung und des Friedens sein. Es würde vor aller Welt viel deutlicher in Ersclfeinung treten, was Jesus einmal sagt: „Das Heil, d. h. der Heiland, kommt von den Juden". Das entsprach dem Weltplan Gottes, gegen den die Juden vor neunzehnhundert Jahren nach christlicher Auffassung im Punkte seiner vollen Vollendung blind gewesen sind. Den zweiten großen Zusammenprall auf Grund von Religionshaß erfuhr die Judenheit auf germanischem Boden im Mittelalter. Aber dieser Religionshaß zwischen Mutterreligion und Tochterreligion war gegenseitig. Es gehört bekanntlich zu den Geschichtsrätseln, wie es gekommen 43

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