Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 40 (sequence 11)
- Language
- German
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Max Dienemann nicht das Heil und den Frieden der Einzelseele zum Ziele, sondern die bessere Liebe und Gerechtigkeit in dieser Welt. Die Aktivität, die damit zum Bestandteil der Frömmigkeit wird, ist nicht Hochmut der Ausschaltung Gottes, sie ist die Erhebung des Menschen „zum Genossen Gottes am Werk der Schöpfung". Damit ist die jüdische Frömmigkeit in ein Feld eingepflanzt, bei dem der Vergleich mit christlicher Frömmigkeit aufhört. Christentum hat das Heil des Einzelnen zum Ziel und Judentum ist immer und in allen Teilen Gemeinschaftsgedanke, nicht Gemeinschaftsgedanke einer Bekennergemeinschaft oder einer durch irgendein Prinzip begründeten Sondergemeinschaft, sondern Angelegenheit der Menschheit in ihrer Gesamtheit. Ihre heilige Ordnung und Gottverbundenheit herzustellen, ist Sinn und Aufgabe. Man würde stark in die Irre gehen, wollte man meinen, daß all diese Gedanken und Einstellungen rational abzuleiten sind, am allerwenigsten sind sie, wie man das gern versucht, aus dem Schicksal der Juden als der Scholle entfremdeter Menschen abzuleiten, die darum auch dem Rätsel und dem Geheimnis entrückt seien und darum den Hang zum abstrakten lebensfremden Denken davontrügen. Das Gegenteil trifft zu. In dieser jüdischen Frömmigkeitsstimmung kommt das allen Rätseln des Lebens zugewandte innere Fühlen zum Ausdruck, das Leben und Frömmigkeit in einer Einheit umspannen will. Es wehrt sich dagegen, daß das Leben der Frömmigkeit unter einem anderen Zeichen stehe als edles bürgerliche, weltliche, staatliche, soziale Leben. Staat und Gesellschaft fordern Gesetz und Gerechtigkeit, Wirtschaft und alles Gemeinschaftsleben baut sich darauf auf, daß jeder sein Eigenstes in seine Tat hineinlege, man kann nicht, wenn man jüdisch denkt, diese Betätigungsfelder einem eigenen Gesetz unterstellen und das religiöse Leben einem anderen. Die Einheit aller Lebensbetätigungen herzustellen, ist der innere Sinn der jüdischen Frömmigkeit. Sie ist nie rational erdacht, nicht System und Lehre, sondern erfühlt, sie ist — nun eben wie jede wahrhafte Religion: Frömmigkeitsstimmung. Auf dem Charakter der Religionen als FrömmigkeitsStimmung ruht ihr Bei- und Nebeneinander, die Achtung vor der schöpferischen Kulturleistung, die in aller Frömmigkeit sich kundtut, der Jubel über die Mannigfaltigkeit des Geistes, die Ehrfurcht vor all den Großen, die blutvoll ihre Frömmigkeit leben.