Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Frömmigkeit in Judentum und Christentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 39 (sequence 10)
- Language
- German
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Frömmigkeit in Judentum und Christentum bleibt in aller seiner Wichtigkeit doch nur Ausdruck einer seelischen Haltung, Ausdruck eines Glaubens, diese Seelenhaltung und dieser Glauben sind die Frömmigkeit, und sie sind wie alles Seelische in seinen ewig auftauchenden Fragen allen Kämpfen und Nöten notwendig ausgesetzt. Es ist falsch und irrig, aus der Rolle, die das Gesetz als Mittel der Erhaltung in einer Welt spielte, in der der Jude irgendeines Instrumentes sozialer Ordnung bedurfte, wo es also eine soziologische Funktion miterfüllen mußte, auf seine Kraft, religiösen Seelenfrieden zu erzeugen, einen Schluß zu ziehen. Weil es Ausdruck des Glaubens an die sittliche Selbständigkeit des Menschen ist, darum blieb es immer nur ein W e g, nie eine Erfüllung. In der jüdischen Frömmigkeitsstimmung war es nie so, daß man sich einbildete, mit der Erfüllung des Gesetzes „gerecht" geworden zu sein, Gottes gewiß zu sein, es blieb immer nur ein Mittel, einen Weg zu Gott zu suchen, jüdische Frömmigkeit hat ihr Genügen, ihre Gottesnähe darin, auf dem Wege zu sein. Man konnte darum auch nie das Gesetz zum Sakrament erheben, das mit der Eingießung von oben her für einen Augenblick Gott in den Menschen einsenkt. Jüdische Frömmigkeit kennt nur das Suchen, ihr Gehorsam gegen das Gesetz Gottes bleibt ein Suchen, ist nie Vollendung. Damit hängt es nun zusammen, daß im Mittelpunkt der jüdischen Frömmigkeit die Forderung, verkörpert in der Thora, die Idee, die Lehre in ihrer Gesamtheit und Tatanleitung steht und nicht die Person. Es wäre auch im Judentum unmöglich, wie im Christentum, das seinen Gläubigen den Erlöser als Verkörperung des gotterfüllten und gottvermittelnden Lebens «gibt, in einer Persönlichkeit das Heil zu verbürgen oder ihr Vollmacht der Lebensordnung zuzugestehen. Es kennt daher auch im Gottesdienst nur Gebet und Lehre und keinerlei symbolische Handlung, die in geheimnisvollem Vorgang eine im Mittelpunkt des religiösen Lebens stehende Persönlichkeit gegenwärtig machen könnte. Der Wille, das Leben in seiner ewig fließenden Mannigfaltigkeit zu heiligen, schließt die Heilsverbürgung aus. Wie überhaupt nicht das „Heil" das Ziel der jüdischen Frömmigkeit ist, sondern die Ordnung des Lebens. Alle Fragen der Ewigkeit werden als dem Geheimnis angehörend aus der Erörterung und der Möglichkeit der Einflußnahme herausgehoben, sie sind ganz und gar Gottes Sache, der Mensch wird mit all seiner Kraft auf seine in dieser Weit zu leistende Aufgabe hingewiesen und auf seine Verantwortung für die Menschheit. Nicht um das, was in einem anderen als diesem Äon der Welt geschehen wird, geht es, sondern um die Ordnung der Welt als Reich Gottes. Der jüdische Messianismus hat 39