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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 38

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Frömmigkeit in Judentum und Christentum
Date
1925-01-01
Page
38 (sequence 9)
Language
German
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Max Dieaemann die Liebe zum höchsten Wert im Reich des Sittlichen zu erheben. Wo Liebe und Gerechtigkeit in der Beziehung von Gott und Mejisch unlöslich vereint empfunden werden wie im Judentum, wird es zum inneren Ausdruck des Judeseins Liebe und Gerechtigkeit in eins zu setzen; so prägt es sich denn auch in dem Worte zedakah aus, das zugleich Liebe und Gerechtigkeit und ein Grundwort der jüdischen Frömmigkeit ist. Und hier enthüllt sich auch der Sinn dessen, was man im Kreis der jüdischen Frömmigkeit unter Gerechtigkeit versteht. Gerechtigkeit ist der an Gott gerichtete Wille, die Störung der sittlichen Weltordnung, die man mit seiner sündigen Tat hervorgerufen hat, durch den neuen, reineren Willen wieder auszugleichen. Sie ist ein innerer Seelenakt, nicht wie es mißverständlich Paulus sagte, und wie es seit ihm bis heute im christlichen Urteil über das Judentum sich immer wieder wiederholt, ein äußerliches Handeln nach dem Gesetz. Dieses Handeln nach dem Gesetz hat nach der jüdischen Auffassung mit der Gerechtigkeit nichts zu tun. Was aber ist es denn mit dem Gesetz im Judentum, das doch unbestritten in der jüdischen Frömmigkeit eine solche Rolle spielt? Es hat seine große und starke Bedeutung, weil es die Auffassung vom Menschen widerspiegelt, und das wird im christlichen Urteil so wenig erkannt und gewürdigt. Es ist mit der christlichen Auffassung vom Menschen, daß ihm keine Eigenkraft der Tat innewohnt, verbunden, daß man dem Gesetz einen Wert absprach. Ohne sittliche Eigenkraft des Menschen, was hat es für einen Zweck, ihm ein Gesetz zu geben, dem er doch ob der Schwäche seiner Natur nur unvollkommen gehorchen kann? Es ruft dann nur ein Schuldbewußtsein hervor und wird zur Last. Und nicht etwa nur das sogenannte Zeremonialgesetz, auch das sittliche Gesetz wird, als Gesetz erfaßt, zur Last und zum Fluch, aus denen nur ,,Erlösung" hilft. Aber die Grundvoraussetzung ist eben in der jüdischen Frömmigkeitsstimmung eine andere. Dem mit der sittlichen Eigenkraft begabten Menschen steht Gott als Fordernder gegenüber, nicht nur als Schenkender. Frommsein heißt dann: die Forderung Gottes erkennen und nach ihr handeln. Gesetz wird nicht als Last empfunden, sondern als Helfer, als Förderer der sittlichen Kraft. Man kann im Judentum über den Umfang des Gesetzes streiten, man kann Wertunterschiede zwischen Sittengesetz und kultischem Gebot erörtern und ansetzen, aber einmütig ist man darin, daß die Frömmigkeitsstimmung das „Du sollst" Gottes als berechtigte Forderung anerkennt und ihm Genüge zu tun sich müht. Und man mißversteht es gründlichst, wenn man etwa meint, den Juden enthebe dieses Gesetz der Glaubensnöte und der Seelenkämpfe und sei selbständiger Ausdruck der Frömmigkeit; es 38

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